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Fragen aus dem Reiterleben

Wo ist der Mut geblieben?

Warum wird man im Laufe des Reiterlebens vorsichtiger? Diese Frage stellte sich Redaktionsleiterin Sarah Schnieder. Tatsächlich berichten auch viele Profis davon, dass sie Problempferde ablehnen. Verantwortung für sich und die eigene Familie ist sicherlich ein Punkt, aber es gehört noch mehr dazu.

Ein frischer Galopp durch den Wald: für die einen pures Glück, für die anderen eine Mutprobe.

An dieser Stelle beschäftigen wir uns mit Themen, die uns Reiter bewegen. Manche Fragen stellen wir uns bewusst, andere durchkreuzen hin und wieder unsere Gedanken, bleiben aber oft unbeantwortet. Wir sprechen sie an.

Ich bin tatsächlich mal A-Vielseitigkeit geritten. Heute für mich unvorstellbar. Das muss in einem anderen Leben gewesen sein. Wenn ich heute einen E-Oxer sehe, komme ich in Sachen Überwindungsstrategie schon an meine Grenzen. Will ich das wirklich? Nein, lieber nicht.

Dass Dressurreiter „Sprung frei“ rufen, wenn ein Strohhalm auf dem Hufschlag liegt, ist ein allgemein bekanntes Gerücht. Doch es ist nicht nur das Springen, das einem, wenn man es nicht regelmäßig macht, im Laufe des Reiterlebens immer mehr Überwindung abverlangt. Wer jahrelang dasselbe Pferd reitet, fühlt sich auf einem fremden meistens extrem unsicher – fast wie ein Anfänger. Wer selten ins Gelände geht, leidet häufig unter „Kopf-Kino“ mit Horrorszenen im Programm, wenn ein Ausritt ansteht. Irgendwie kann man nicht auf Rosamunde Pilcher-Romantik umschalten.

Doch wo ist der Mut und die Unbefangenheit geblieben, die man in jugendlichen Reiterjahren hatte, als man ohne Sattel über Baumstämme sprang oder sich wilde – und sicherlich nicht ungefährliche – Wettrennen auf den Lieblingsgaloppstrecken lieferte? Mentaltrainerin Regina Horn-Karla hat einmal gesagt, dass der zunehmende Respekt im Laufe des Lebens ein ganz natürlicher Schutzmechanismus sei. Je älter der Mensch werde, desto anfälliger werde sein Körper für Verletzungen. Instinktiv versucht man, sich davor zu schützen.

Dass Reiten Gefahren birgt, wissen wir alle. Tatsächlich hat eine Studie vor Jahren mal hervorgebracht, dass jeder fünfte Reiter in seinem Reiterleben einen schweren Unfall hat. Als Mitglied einer „im Blaulicht-Milieu“-tätigen Familie weiß ich, dass unter schwere Verletzungen auch ein gebrochener Arm fällt, diese Bezeichnung also nicht erst beim Schädel-Hirn-Trauma beginnt. Doch auch ein gebrochener Arm, der glücklicherweise in vielen Fällen relativ schnell verheilt, hinterlässt Spuren.

Als ich zwölf Jahre alt war, bin ich von meinem Pony gestürzt. Vielmehr bin ich gesprungen. Es ging durch, die stark befahrene Landstraße kam gefährlich nah und hilflos, wie ich in dem Moment war, dachte ich: „Lieber schnell runter.“ Mein armer Vater konnte mir von seinem Pferd aus so schnell auch nicht helfen und musste zusehen, wie ich aus vollem Galopp auf dem harten Feldweg landete. Der Helm ging zu Bruch, mein Kopf blieb Gott sei dank weitestgehend heil. Eine Gehirnerschütterung legte mich für ein paar Wochen lahm. Aufs Pferde wollte ich danach so schnell wie möglich wieder. Aber von da an war mein Instinkt auf Selbstschutz programmiert.

Die A-Vielseitigkeit bin ich erst später geritten. Mit demselben Pony. Tatsächlich aber musste ich aber schon damals viele Mini-Mäuse-Schritte gehen, um mich auf dieses Niveau vorzuarbeiten. Und letztendlich habe ich irgendwann die Disziplin gewechselt. Der Respekt war doch zu groß. Interessanterweise konnte ich den Grund erst deutlich später auch klar vertreten. Anfangs habe ich mich eher hinter dem Argument versteckt, dass mein anderes Pony doch eher für die Dressur geschaffen war. Vielleicht gesteht man sich Unsicherheit und Respekt auch mehr ein, je älter man wird.

Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder die Situationen, in denen man sich überwinden muss. Sonst wird der Radius, in dem man sich sicher fühlt, immer kleiner. Also sollte man wohl niemals nie sagen, wenn es darum geht, mit dem Pferd zu springen oder neue Strecken im Gelände auszuprobieren. Es ist wohl eher das Fortkommen in kleinen Schritten, das wie ein Sicherungsnetz unter die Entwicklung gespannt ist. Immer nur so weit, wie man sich sicher fühlt, aber stetig voran. Lieber Oxer, wir sehen uns wieder!

Dieser Text ist in der April-Ausgabe der Reiter Revue erschienen. Das Heft können Sie hier versandkostenfrei bestellen.