Zum Inhalt springen

Drücken Sie Öffnen / Eingabe / Enter / Return um die Suche zu starten

Leseprobe aus unserer September-Ausgabe

Doppel-Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl: „Dalera war mein Anker“

Sie erlebte in Tokio ihr persönliches Olympia-Märchen. Bei ihren ersten Spielen gewann Jessica von Bredow-Werndl auf Anhieb zweimal Gold. Wie sie das mental geschafft hat, welche Gefühle sie vorher übermannten und wie sie Dalera in Schuss hielt, das erzählt sie in diesem Interview.

Erst Team- dann Einzelgold. In Tokio war Jessica von Bredow-Werndl im Goldrausch.

Jessi, du hast in Tokio dein Olympia-Debüt gegeben, nimm uns bitte einmal mit in die Zeit davor. Welche Gedanken sind dir kurz vor der Abreise durch den Kopf gegangen?

Ich habe vor Tokio alle Emotionen schon einmal durchlebt und zwar während der Quarantäne in Aachen. Die ersten vier Tage war alles nur leicht, es war pure Freude. Dann gab es die eine oder andere Nachricht, die mich ein bisschen wütend gemacht hat – so durfte ich die Wut einmal leben. Dann gab es das Training im Flutlicht, ich habe den Grand Prix Special geübt und da hatte ich ganz schöne Schnitzer drin, woraufhin ich in der Nacht nicht schlafen konnte. Ich wusste, jeder Fehler entscheidet darüber, ob ich überhaupt eine Medaille bekomme. Ich habe bis drei Uhr morgens wach gelegen, ich hatte Kopfkino und man kann schon sagen, ich hatte Versagensängste. Ich hatte einfach Angst, nicht das zeigen zu können, was ich kann.

Vielleicht war es auch ein Déjà vu zur Europameisterschaft 2019. Da wusste ich ja auch, dass wir es drauf haben, und dann mistete Dalera in der ersten Prüfung, im Special habe ich viele Fehler gemacht und in der Kür war ich so dankbar, dass wir es wenigstens da zeigen konnten. In Aachen kamen all diese Gedanken nochmal hoch, dass es nicht klappen kann.

Und kurz darauf folgte auch schon der Abschied. Dalera und du seid getrennt nach Tokio gereist. Wie ist es, sich in so einem Moment zum einen vom Herzenspferd, aber vor allem von der eigenen Familie zu verabschieden?

Am nächsten Tag musste ich Dalera zum Flughafen bringen und mich ein paar Stunden später von meinem Sohn und von meiner Mama, die mit in Aachen waren, verabschieden. Ich war wahnsinnig traurig, ich habe so geweint in diesem Zug von Aachen nach Frankfurt – ich weine gleich wieder. Ich habe in dem Moment gedacht: „Was mache ich hier eigentlich?“ Aber als ich Dalera am Flughafen sah, hat sie mir das Gefühl gegeben, dass sie mich jetzt tröstet. Als wollte sie sagen: „Hey, entspann dich, es ist alles gut, ich weiß doch, was zu tun ist.“

Das war übrigens auch schon am Sonntagmorgen so, nachdem ich am Abend diesen Special geritten hab, nicht schlafen konnte und dachte „Oh Gott“. Sie ging so gut! Dieses Pferd hat mir immer wieder das Gefühl gegeben, „es ist alles gut, ich bin doch bei dir“. Das war so krass! Normalerweise möchte ich immer der Anker für meine Pferde sein, aber im Vorfeld dieser Olympischen Spiele war Dalera mein Anker. Dieses Pferd ist wirklich der Wahnsinn, sie ist unglaublich. Ja, da hatte ich alle Emotionen einmal durch. Man kann sagen: Mich hat’s g’scheit durchgebeutelt. (lacht)

Wer hat dir geholfen, dieses Abenteuer Olympische Spiele mental zu packen?

Ich habe zwei Coaches, mit denen ich ganz cool über meine Gefühle sprechen kann. Der eine ist der Holger Fischer, mit dem ich seit zehn Jahren zusammenarbeite. Der ist eine sehr coole Socke! Der andere war Felix Gottwald, der selbst immer noch der erfolgreichste Olympionik Österreichs ist, in der nordischen Kombination. Zu ihm habe ich 2016 in der Vorbereitung zu Rio, wohin ich es dann eben nicht geschafft habe, Kontakt aufgenommen und angefangen, mit ihm zu arbeiten. Mit ihm habe ich in Aachen einen Facetime-Termin gehabt. Er hat so tolle Sachen zu mir gesagt, die mich auch so ein bisschen „z’amgrichtet“ haben, wie man in Bayern sagt.

...

Kurz nach den Olympischen Spielen sprachen wir mit Jessica von Bredow-Werndl über ihren wahr gewordenen Kindheitstraum, die Olympischen Spiele gekrönt mit Doppel-Gold. Ihr persönlicher Rückblick auf ausgetüftelte Stundenpläne, Yoga im Park, Hafermilch per Amazon und Flashbacks auf dem Treppchen. Die September-Ausgabe können Sie hier versandkostenfrei und bequem zu sich nach Hause bestellen.