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Deutschlands beste Reitvereine

Was Kinder wollen

Für seine jüngsten Mitglieder hat der Reiterverein Graf von Schmettow Weeze umgesattelt. „Wir waren früher ein ganz normaler Reitverein“, erzählt Monika Peters, die dem Schulunterricht ihres Vereins ein völlig neues Gesicht gegeben hat.

Die Macher aus Weeze (v. l.): Michelle Grüters, Michelle Cox, Tanja Heimes, Bastiaan Thijs, Ilona Jacobs und Barbara Leuschner.

Weeze hat aufgetischt. Jedes Mitglied des Reitervereins Graf von Schmettow scheint für diesen Sonntagnachmittag etwas gebacken zu haben. Das Ergebnis: ein Kuchenbuffet der Extraklasse. In der Reithalle tummeln sich die Reitschüler der Springstunde. Mit starkem britischen Dialekt motiviert Reitlehrer Alan Haywood seine Schützlinge, mutig auf die Hindernisse zuzureiten. Er selbst war schon beim Busch-Klassiker in Burghley am Start.

Hemd und Krawatte schauen unter seiner Stalljacke hervor. Der 72-Jährige hat sich fein herausgeputzt. Nicht etwa, weil heute die Reiter Revue zu Besuch ist, sondern weil er eigentlich Gast einer Goldenen Hochzeit ist. Genau das ist die Vereins-Mentalität: Wenn Hilfe benötigt wird, packt jeder mit an, backt einen Kuchen oder verlässt eine Festgesellschaft, um Reitunterricht zu geben.

Die Älteren helfen bei den Jüngeren und profieren durch ein paar Extra-Tipps oder eine eigene Unterrichtseinheit. So gewinnt am Ende jeder.

Lückenfüller

Seit einigen Jahren kümmert sich der Reiterverein Graf von Schmettow Weeze ganz besonders um seine jüngsten Mitglieder. „Früher waren wir ein ganz normaler Reitverein mit Schulunterricht in der Abteilung“, erinnert sich Monika Peters. Die erste Geschäftsführerin des Vereins organisiert die Jugendarbeit und kümmert sich mit viel Herzblut darum, dass es dem Reitsport nicht an Nachwuchs mangelt. „Wegen der Ganztagsschulen waren immer mehr Reitschüler nachmittags verhindert“, erzählt sie. „Wir wollten diese Lücken schließen und haben in den Ferien Schnupperkurse für die ganz Kleinen angeboten. Der erste Kurs mit 16 Kindern war sofort ausgebucht.“ Lücken gibt es nun keine mehr in den Reitstunden – eher Wartelisten. Das jüngste Vereinsmitglied ist drei, das älteste 82 Jahre alt. Für den heutigen Nachmittag haben die Vereinsmitglieder ein Programm ausgearbeitet, das einen Streifzug durch die Nachwuchsarbeit zeigt. Nach der Springstunde lernen Kinder im Vorschulalter mit Geschicklichkeitsspielen das kleine Einmaleins im Sattel. Jugendliche Reitschüler führen die Ponys mit einem Strick. „Wenn sie in den Reitstunden helfen, zeige ich ihnen im Anschluss, wie man zum Beispiel ein Pferd longiert“, schildert Monika Peters. „So hat jeder gewonnen.“

Mehr als Reiten lernen

Vom Pferderücken aus werfen die Kinder Tennisbälle auf eine Klett-Zielscheibe oder stecken eine Gerte von einem Pylon in den nächsten. Joschi ist heute zum ersten Mal dabei. Am Freitagnachmittag kam der braune Ponywallach in Weeze an. Er ist das neue Schulpony des Vereins. „Herzlich Willkommen, Joschi“, haben die Kinder mit Kreide an seine Boxentür geschrieben und viele kleine Herzchen daneben gemalt. Joschi macht seine Sache gut.

Auf dem großen Außenplatz schart sich derweil eine Gruppe Grundschulkinder um Barbara Leuschner. Die erste Kassiererin des Vereins ist heute für die Theoriestunde zuständig. Aufgeregt reißen die Kinder ihre Finger in die Höhe. Barbara Leuschner hat gefragt, wer wisse, wo beim Pferd der Widerrist ist. Wer die Antwort kennt, darf Palominopony Giny einen beschrifteten Klebestreifen an die richtige Stelle kleben. „Die Theoriestunden sollen Spaß machen“, sagt Barbara Leuschner. Giny ist mittlerweile über und über mit weißen Zettelchen beklebt und scheint die Aufmerksamkeit durchaus zu genießen. Ganz vorsichtig und liebevoll gehen die Kinder mit der Ponystute um und passen immer auf, dass sie nicht hinter ihr stehen oder sie erschrecken. „Die Kinder sollen hier auch den sicheren Umgang mit den Pferden lernen“, erklärt Monika Peters.

Die Longenstunden sind nicht wie sonst üblich eine Reiteinheit an der Longe, bei der in erster Linie der Sitz korrigiert wird. In Weeze haben sie ein bisschen was von einer Voltigierstunde. „Die Begeisterung von den Kindern und dieses Vertrauen, das sie zu einem aufbauen, wie experimentierfreudig sie dann auch sind und sich auf dieses Gefühl einlassen“, schildert Monika Peters gerührt die schönsten Momente des neuen Unterrichtskonzepts.

Die Pferde-Paten

Seine Schulpferde hält der Verein bei Laune, indem er Patenschaften für die vierbeinigen Lehrmeister organisiert. „Jedes Schulpferd hat ein Kind, das sich um dieses Pferd kümmert. Diese Bezugsperson tut den Schulpferden einfach gut.“ Als Belohnung dürfen die Kinder und Jugendlichen zwischen zehn und 17 Jahren „ihr“ Schulpferd neben dem Reitunterricht noch zweimal in der Woche frei reiten. Außerdem kommen alle Pferde des Vereins in Gruppen ganzjährig jeden Tag auf die Weide. „Wir setzen unsere Schulpferde mit System ein und verheizen sie nicht“, sagt Monika Peters.

Zu den anderen Vereinen im Ort hat der Reiterverein Graf von Schmettow einen guten Draht. Die Vereine helfen sich gegenseitig, wenn etwas ansteht. Denn: „Wer in Weeze wohnt, muss in einem Verein sein“, erklärt Barbara Leuschner augenzwinkernd die Mentalität der 10.000 Einwohner-Gemeinde nahe der niederländischen Grenze.

„Den Verein besonders machen natürlich die vielen ehrenamtlichen Helfer“, findet der erste Vorsitzende, Bastiaan Thijs. Der Tierarzt ist heute Nachmittag eigentlich im Dienst, lässt es sich aber nicht nehmen, seinen Verein an diesem Tag zu unterstützen. Außerdem gibt es noch eine Menge Kuchen. Der muss schließlich gegessen werden.

Reiterverein Graf von Schmettow e.V. Weeze – gegründet: 1884 – Mitglieder: 240 – Stärke: Zusammenhalt, starkes Ehrenamt – besondere Idee: buntes Kinderreitunterricht-Konzept – www.reiterverein-weeze.de