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Was hilft, wenn das Pferd Luft schluckt

Koppen stoppen!

Ist es eine kleine Unart wie das menschliche Fingernägelkauen oder eine massive Verhaltensstörung wie die Selbstverletzung? Experten erklären, was es mit dem Koppen auf sich hat.

Koppen ist nicht nur eine nervige Unart, sondern kann gesundheitsschädlich sein.

Die Schneidezähne des Wallachs sind platt wie Fünfzig-Cent-Stücke. Raspelkurz. Abgerieben über Jahre hinweg, durch das ewige Aufsetzen auf dem Metallgitter in seiner Box. Immer wieder drückt er den Oberkiefer auf die Kante, spannt die Halsmuskulatur an und saugt Luft durch das offene Maul ein. Das typische Rülpsgeräusch entlarvt sein Koppen bereits aus 20 Metern Entfernung. „Eine lästige Unart“, sagt die Besitzerin achselzuckend. Doch stimmt das wirklich? Ist Koppen vergleichbar mit dem nervigen, aber unproblematischen Fingernägelkauen, das viele gestresste Menschen an den Tag legen oder geht diese Verhaltensstörung sogar soweit, dass es mit dem selbstverletzenden Verhalten bei Menschen auf eine Stufe gestellt werden kann? Schwer zu überwinden wie eine Sucht und gesundheitsschädlich.

Koppen zählt neben dem Weben und dem Boxenlaufen zu den häufigsten Verhaltensauffälligkeiten von Pferden, die den Großteil ihres Tages im Stall verbringen. Aus einer Studie von Dr. Margit Zeitler-Feicht, Daniela Miesbauer und Prof. Leo Dempfle an der Universität München geht hervor, dass 2003 etwa 6,5 Prozent der Reitpferde in Deutschland von Verhaltensstörungen betroffen waren. 2,8 Prozent waren Kopper. „Das Koppen ist eine Verhaltensanomalie, die wiederholt und ohne erkennbaren Grund ausgeführt wird“, definiert die Pferdeverhaltensforscherin Konstanze Krüger.

Nicht ohne Grund zählte das Koppen bis zum Jahr 2002 zu den sechs Hauptgewährsmängeln im Vieh-Kaufrecht. Mittlerweile spielen sie im Pferdekauf zwar keine Rolle mehr, doch diese Verhaltensstörungen führen noch immer dazu, dass der Wert eines Pferdes deutlich gemindert wird. Und das nicht zuletzt aus dem Grund, weil gesundheitliche Folgeschäden befürchtet werden. Gemeinhin gilt die Annahme, dass alle Kopper an Magenbeschwerden leiden. Die vorderen Schneidezähne sind bei Aufsetzkoppern in der Regel ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Damit gemeint sind Pferde, die zum Koppen die oberen Schneidezähne auf einem Gegenstand aufsetzen. „Durch ein Herabziehen des Kehlkopfes öffnet sich der Schlund und in die Speiseröhre strömt Luft ein. Dadurch kommt das typische Rülpsgeräusch zustande“, erklärt Dr. Stefan Tietje von der Pferdeklinik in Ankum. Ein Teil der Luft gelangt danach durch die Maulhöhle passiv wieder hinaus.

Ursachenforschung

Seltener kommen Freikopper vor, die dafür nirgendwo aufsetzen. „Dabei handelt es sich quasi um eine Weiterentwicklung des Aufsetzkoppens“, erläutert Krüger. Die Pferde ziehen den Kopf in einer Nickbewegung gegen die Brust und lassen ihn dann anschließend hochschnellen.

Kurz gesagt führen in den meisten Fällen falsche Haltungsbedingungen dazu, dass ein Pferd mit dem Koppen beginnt. Stress oder Bewegungsmangel, Langeweile, Hunger, aber auch Magenbeschwerden können das Verhalten herausfordern. Grundsätzlich versuchen Pferde sich mit der jeweiligen Situation zu arrangieren. Doch wenn sie dauerhaft Einflüssen ausgesetzt sind, denen sie nicht gewachsen sind, können sie diese Übersprunghandlung entwickeln. „Eine chronische Frustration“, nennen es die Experten. „Pferde, die unzureichend Bewegung und wenig Sozialkontakt zu anderen Artgenossen haben, sind besonders anfällig, diese Verhaltensstörung zu entwickeln“, betont Konstanze Krüger.

Großen Einfluss hat allerdings auch die Fütterung. „Zu wenig Raufutter in Zusammenhang mit Langeweile kann ebenfalls eine Rolle spielen“, sagt die Verhaltensforscherin. Denn der Verdauungstrakt des Pferdes ist darauf ausgelegt, dass es rund 18 Stunden am Tag mit Fressen beschäftigt sein sollte. Kommt es zu langen Fresspausen, wird dieses Bedürfnis des Pferdes nicht befriedigt.

Übrigens sind Pferde, die zum Beispiel auf Turnieren einer hohen nervlichen Belastung ausgesetzt sind, nachweislich anfälliger für Verhaltensstörungen, also auch fürs Koppen. Forscher vermuten, dass Vollblüter eher betroffen sind als Warmblüter, ebenso gewisse Linien beziehungsweise Familien. „Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass sie auch auf schlechte Haltungsbedingungen empfindlicher reagieren“, vermutet Krüger. Ihr Laufbedürfnis könnte auch noch ausgeprägter sein. Ähnlich wie bei Hunden. Nicht jede Rasse eignet sich zum Familienhund. Einige benötigen mehr Auslauf oder wollen mental gefordert werden. Wird ein als Arbeitshund gezüchteter Border Collie beispielsweise in einer Stadtwohnung gehalten, entwickelt er schnell Verhaltensauffälligkeiten, um die fehlenden Anforderungen zu kompensieren.

Auf die Frage, ob das Koppen nun tatsächlich vererbt werden kann, antwortet Krüger mit einem ganz klaren ‚Jein’. „Es wird zwar nicht das Koppen an sich vererbt, allerdings kann durchaus die Anfälligkeit zu Koppen vererbt werden.“ Weit verbreitet ist auch die Annahme, dass Pferde sich das Koppen von betroffenen Artgenossen abschauen können. „Auszuschließen ist das nicht. Im Jungpferdealter kann ein gewisses Risiko bestehen“, gibt Dr. Tietje zu bedenken. „Bei einem älteren Pferd ohne haltungsbedingte Probleme würde ich die Gefahr aber nicht sehen.“ Ein vermehrtes Problem mit Koppern in einem Stall deute daher eher auf ein generelles Haltungsdefizit hin, weiß Konstanze Krüger. „Der Prozess des Koppens ist zu kompliziert, als dass sich die Artgenossen dies abschauen könnten. Daher bleibt es bei Pferden, die sich das Koppen vermeintlich abgeguckt haben, oft auf der Stufe des Beißakts stehen.“

Der Magen: ein Problem?

Ein Problem bei Aufsetzkoppern sind sicherlich die abgewetzten Schneidezähne, das sogenannte Koppergebiss. Generell können sich die Pferde aber auch in einem schlechten Allgemeinzustand befinden. Fest steht auch: Ein Großteil der Kopper hat zudem Magenprobleme. Doch koppen die Pferde, weil sie Magengeschwüre haben oder haben sie Magengeschwüre, weil sie koppen? „Letztendlich wären beide Erklärungen möglich“, erläutert Krüger, „es könnte sein, dass die Pferde Bauchweh haben und koppen, um dadurch ein positives Befriedigungsgefühl zu schaffen. Denn beim Koppen werden Endorphine ausgeschüttet, die einfach glücklich machen. Andererseits ist es auch denkbar, dass sie durch das Koppen vermehrt Magensäure ausschütten und es dadurch eher zu Magenproblemen kommt.“ Auf jeden Fall sollte man dies bei einem Kopper vom Tierarzt abklären lassen.

Doch sind Kopper tatsächlich kolikanfälliger? „In unserem Klinikalltag werden regelmäßig koppende Pferde mit chronischen Koliken oder reduziertem Allgemeinzustand vorgestellt“, berichtet Dr. Tietje. Konstanze Krüger beruhigt aber: „In einer Studie hat sich gezeigt, dass die Mengen an abgeschluckter Luft bei Koppern tatsächlich sehr gering sind. Deswegen muss man nicht unbedingt Angst haben, dass Kopper permanent an Blähkoliken leiden. Es kann aber gut sein, dass die primäre Ursache für die Bauchschmerzen Magengeschwüre sind. Und da weiß man eben noch nicht genau, ob sie die vor dem Koppen nicht auch schon gehabt haben.“

Ein bisschen Koppen bleibt

Ist das Koppen erstmalig aufgetreten, stellt sich die Frage: Was hilft? Den Pferden nur die Möglichkeiten zum Aufsetzen zu nehmen, geht oft schief. Außerdem fördert es die Unzufriedenheit, denn Koppen ist ein Drang, den die Pferde stillen wollen. Unablässig ist deshalb die Verbesserung der Haltung: mehr Bewegung und Sozialkontakt sowie eine angepasste Fütterung und ausreichende Beschäftigung sind hier oberstes Gebot. Doch nicht selten zeigen langjährige Kopper das gestörte Verhalten trotz Haltungsumstellung. „Bei diesen Pferden wird man das Koppen wahrscheinlich nie mehr ganz wegbekommen“, vermutet Konstanze Krüger.

Rein symptomatische Therapien wie die Verwendung eines Kopperriemens zur Unterdrückung des Verhaltens schätzt Konstanze Krüger als tierschutzrelevant ein: „Das verstärkt das Problem meist nur, die Pferde haben noch mehr Stress.“ Eine Operation ist bei starken Koppern der letzte Schritt, wenn sie durch das Koppen erhebliche gesundheitliche Probleme bekommen und sich auch durch eine Haltungsumstellung keine Besserung zeigt. Dabei werden bestimmte Muskeln und Nerven durchtrennt, die es dem Pferd unmöglich machen, den Unterhals anzuspannen und zu koppen. „Wenn das koppende Pferd grundsätzlich gesund ist und das Verhalten nur gelegentlich in Stresssituationen zeigt, sollte man es einfach dabei belassen“, rät Konstanze Krüger.

Ganz abgewöhnen kann man dieses Verhalten den wenigsten langjährigen Koppern. Aber man kann ihnen die Möglichkeit geben, Handlungsalternativen zu finden, indem man gründlich nach der Ursache für diese Verhaltensstörung sucht. Denn eine so simple Unart wie das Fingernägelkauen ist Koppen eben doch nicht.

Fünf Tipps gegen Koppen

1. Optimieren Sie die Haltungsbedingungen Ihres Pferdes und achten Sie darauf, dass die Fresspausen nicht länger als vier Stunden andauern.

2. Beobachten Sie Ihr Pferd und besprechen Sie mit Ihrem Tierarzt, ob Magenprobleme eine Ursache sein können.

3. Eine Unterdrückung des Koppens führt beim Pferd nur zu noch mehr Stress! Solange keine gesundheitlichen Probleme bestehen, sollte das Verhalten akzeptiert werden.

4. Versuchen Sie, den Stress für Ihr Pferd so gering wie möglich zu halten.

5. Wichtig ist Sozialkontakt: Schauen Sie, ob sich Ihr Pferd mit seinen Artgenossen wohlfühlt.