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Erkrankungen der unteren Halswirbelsäule des Pferdes

Ihr wurde lange Zeit nur wenig Beachtung geschenkt. Aber Rittigkeitsprobleme, wiederkehrende Lahmheiten, Stolpern, Stürzen sind mehr als gute Argumente, sich mit der unteren Halswirbelsäule des Pferdes zu beschäftigen. Höchste Zeit, findet Orthopäde Dr. Ralf Pellmann.

Der Hals des Pferdes. Oft zu wenig beachtet.

Es ist ein Thema mit Sprengstoffpotenzial. Und eines, das in der Tierärzteschaft und in der Wissenschaft seit einiger Zeit immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es geht um Erkrankungen der unteren Halswirbelsäule beim Pferd.

Dr. Ralf Pellmann, der eine orthopädische Praxis im niedersächsischen Hellwege leitet, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dieser Thematik – weil er durch seine eigenen Pferde leidgeprüft war. Der frühere Mannschaftstierarzt der französischen Springreiter, Philippe Benoit, habe ihn bei seinem dauerlahmen Springpferd auf die Arthrose in der Halswirbelsäule aufmerksam gemacht. Bei einem anderen Pferd, das Pellmann dreijährig roh gekauft hatte und dessen Halswirbelsäule sich später im Röntgenbild als „katastrophal“ herausstellte, habe er „alle Symptome der Halswirbelsäulen-Erkrankung gesehen“.

Diese Symptome sind vielfältig und machen insbesondere Erkrankungen der unteren Halswirbelsäule so schwer greifbar: Gibt es immer wieder oder dauerhaft Probleme bei der Anlehnung, bei der Stellung und Biegung, zeigt das Pferd Störungen der Losgelassenheit, Taktfehler, leidet das Pferd unter Gurtzwang, ist es dauerhaft verspannt im Rücken, zeigt es immer wiederkehrende Lahmheit, wirkt es unsicher auf den Beinen, stolpert es oft oder fällt hin, sind das Hinweise auf einen schmerzenden Hals, sagt Pellmann. Nur was verursacht diese Schmerzen und wie findet man’s heraus?

Diagnose

Dr. Ralf Pellmann setzt zunächst auf die klinische Untersuchung. Er tastet den Hals ab, übt Druck auf die Facettengelenke aus und untersucht so auf beiden Seiten auf Schmerzhaftigkeit. Bildgebende Diagnostik wie Röntgen, Szintigrafie, CT oder MRT könnten Aufschluss geben, aber vor allem das Röntgen ist im Bereich der Halswirbelsäule nicht ganz einfach. Gerade weil dieser so beweglich ist und der Tierarzt den exakten Winkel finden muss. „Die Halswirbel sind oft leicht verkippt“, weiß Pellmann. Auch ein Grund, warum eine Standardisierung von Aufnahmen der Halswirbelsäule für einen Kaufuntersuchung so schwierig ist. Bei Zehe, Sprunggelenk und Co. ist das klar definiert, bei der Halswirbelsäule noch nicht.

Entzündungen in den Wirbelgelenken und ihrem Umfeld, akut oder chronisch, sorgen für die schmerzhaften Prozesse. Diese Entzündungen haben wiederum unterschiedliche Ursachen. Häufige röntgenologische Befunde seien ECVM (siehe Kasten), vergrößerte Facettengelenke oder auch Stufenbildungen zwischen den Gelenken, erklärt Dr. Ralf Pellmann. Diese können zu Entzündungen der Facettengelenke führen, aber auch zu Nervenreizungen, die verantwortlich sind für das häufige Stolpern oder Vorhandlahmheiten, oder zu Beeinträchtigungen des Rückenmarks, was wiederum eine Ataxie nach sich zieht.

Diese Röntgenbefunde sind meist angeboren. Auch Unfälle können die Halswirbelsäule schädigen. Traumata, Fissuren oder Frakturen sind dann die Folge. „Genauso führt eine Dauerreizung, wenn ein Pferd zum Beispiel ständig mit Schlaufzügel geritten wird, eher zu einer Arthrose der unteren Halswirbelsäule als bei einem fein gerittenen Pferd“, stellt Pellmann klar.

Therapie

Mit der Diagnose ist bereits viel gewonnen, aber gibt es dann einen Ausweg, eine Therapie, die Erfolg verspricht? Deformationen der Wirbel wie bei ECVM lassen sich nicht einfach verändern, eine Stufenbildung, bei der die Halswirbel nicht gerade voreinander stehen, lässt sich nicht mal eben geradebiegen, vergrößerte Facettengelenke lassen sich nicht einfach verkleinern. Es geht also viel mehr darum, den Schmerz aus dem Hals zu bekommen und seine Muskulaturwieder funktions- und arbeitsfähig zu machen. Ein Weg dorthin führt über die Manualtherapie. „Man kann physiotherapeutisch, osteopathisch oder chiropraktisch versuchen, die Muskulatur im Hals zu entspannen und die Funktion wiederherzustellen. Das ist der erste Schritt, bevor man vielleicht lokal behandelt“, sagt Pellmann. Physikalische Behandlungsmöglichkeiten wären die Stoßwellen- oder Magnetfeldtherpie. Lokal eingesetzt werden Eigenblutpräparate wie beispielsweise PRP oder Irap, Hyaluronsäure oder Kortison. Ralf Pellmann hat mit der Kortison-Behandlung in die betroffenen Gelenke gute Erfahrungen ge- macht, er weiß aber auch um den schlechten Ruf dieses Entzündungshemmers. „Weil teilweise Ängste geschürt werden“, meint er. „Man muss über das Risiko reden und das ist die Hufrehe. Man muss aufpassen, dass man nicht überdosiert, dass man zu fette Pferde, oder Patienten mit Cushing oder metabolischem Syndrom nicht behandelt.“ Auch bleibt immer ein Infektionsrisiko beim Spritzen in die Gelenke. Auf der anderen Seite gebe ihm der Erfolg, der sich nach wenigen Wochen einstelle, schlichtweg recht.

Mit der Therapie allein ist es nicht getan. Was darauf folgen muss, ist ein entsprechendes Training durch korrektes Reiten, ein Aufbau der Muskulatur, die das Pferd stabilisiert. Dazu ist das Pferd jetzt in der Lage. Und nur mit dem entsprechenden Training hält der Therapieeffekt auch über einen längeren Zeitraum an.

Prognose

„Ich glaube schon, dass man durch gutes Reiten Probleme herausschieben oder reduzieren kann und dass man mit gewissen Steifheit und Schmerzen der Halswirbelsäule auch leben kann“, sagt Pellmann. Aber andersherum ist er überzeugt, „dass die Mehrzahl aller Halsprobleme beim Pferd angeboren sind und sie dann durch die reiterliche Nutzung offensichtlich werden.“ Er möchte, dass die Probleme, die es in der unteren Halswirbelsäule gibt, ganzheitlicher betrachtet werden, dass ihnen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.

In diesem Jahr startet eine Studie, die in dieser Sache einen Stein ins Rollen bringen könnte. 17 Tierärzte aus Deutschland und dem Ausland sind an dieser Studie beteiligt – auch Ralf Pellmann. Sie könnte beweisen, was Pellmann aus seiner Erfahrung für sehr wahrscheinlich hält: Dass es einen Zusammenhang zwischen den Veränderungen der unteren Halswirbelsäule und klinischen Symptomen gibt. Die zweite Frage, die diese Studie beantworten soll: Sind diese angeborenen Veränderungen vererbbar? Genau an dieser Stelle gibt es Sprengstoffpotenzial. Doch das Ziel ist klar: „Es geht darum, weniger dieser Pferde zu züchten.“

Was ist ECVM? ECVM steht für „Equine cervical vertebral malformation“. Die US-Amerikanerin Sharon May-Davis hat 2014 diese Krankheit als Erste an die Öffentlichkeit gebracht. ECVM ist eine Missbildung, die unterschiedlich schwerwiegend ausfallen kann. Dabei ist der untere Bereich des sechsten Wirbels nicht richtig ausgebildet. Es fehlt die sogenannte „Lamina ventralis“, an der normalerweise der Musculus Longus Colli ansetzt, der die untere Halswirbelsäule stabilisiert und anhebt. Bei ECVM-Pferden können am siebten Halswirbel zusätzliche Knochenteile gefunden werden oder auch eine verformte oder fehlende erste Rippe, die Tragerippe. Die Häufigkeit von ECVM wird laut Ralf Pellmann in einigen Studien mit 30 bis 60 Prozent angegeben. Allerdings ist die klinische Relevanz nicht eindeutig geklärt und ECVM muss noch nicht bedeuten, dass ein Pferd nicht Reitpferd sein kann.

Exkurs: Die Halswirbelsäule des Pferdes

Die Halswirbelsäule besteht wie bei allen Säugetieren aus sieben Wirbeln. Zwischen den Wirbeln hat das Pferd Bandscheiben, die als Stoßdämpfer dienen, und kleine Wirbelgelenke, die Facettengelenke. Sie machen den Hals des Pferdes erst so beweglich. Die Halswirbelsäule des Pferdes ist seine Balancierstange. Während der vordere Bereich vor allem die Rotation des Kopfes ermöglicht, der mittlere das Beugen und Strecken des Halses, ist der untere Bereich des fünften bis siebten Halswirbels für das Heben des Halses und auch für seine Stabilisation verantwortlich. Hier ist das Zentrum für Stellung und Biegung, denn die anschließende Brustwirbelsäule mit den Rippen ist relativ starr. Hinzu kommt das Nackenband, ein sehniger, derber Strang, der sich vom Kopf entlang der Oberlinie bis zum Kreuzbein zieht. Am Hals verbindet die fächerartige Nackenplatte das Nackenband mit der Halswirbelsäule. Das sind Unterstützungsbänder, die zu den einzelnen Wirbeln abgehen. Nackenband, -platte und die an den Wirbeln ansetzende Muskulatur sorgt für die notwendige Stabilisation. Allerdings trifft diese Darstellung der Nacken- platte, wie sie in Lehrbüchern und in der Illustration rechts zu sehen ist, nicht voll zu: „Dieser Unterstützungsast fehlt in der modernen Reitpferdezucht beim sechsten und siebten Halswirbel und ist am fünften nur teilweise vorhanden, sodass die untere Halswirbelsäule von oben nicht getragen wird, sondern nur durch die Muskulatur“, sagt Dr. Ralf Pellmann. „Gut gerittene Pferde mit guter Muskulatur können trotz der fehlenden Unterstützungsäste ihre Halswirbelsäule stabilisieren. Bei dem nicht gut gerittenen Pferd ist das gesamte System durch die fehlende Unterstützung von oben und auch bei ECVM-Pferden durch das Fehlen der unteren Stabilisierung nicht mehr gegeben.“

Dieser Artikel ist erstmals in unserer März-Ausgabe 2022 erschienen. Monat für Monat recherchieren wir spannende Themen für Sie, es dreht sich in jeder Reiter Revue alles rund um gutes Reiten und gesunde Pferde. Sie wollen kein Heft mehr verpassen? Dann schauen Sie doch mal auf unsere Abo-Seite vorbei. Psst: Als Abonnent bekommen Sie satte Rabatte auf unsere Webinare und Online-Workshops!