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Hengststation Beerbaum – Ein Portrait

Für Ludger Beerbaum zählt Leistung – im Sport aber auch im Deckgeschäft. Die Hengste auf seiner Station können daher beides. Warum das die Zukunft ist und wo das System hinkt – ein aufschlussreicher Besuch in Riesenbeck.

Ludger Beerbaum und Zinedine. Über den Hengst sagt Ludger Beerbaum, das er eines der besten Pferde sei, das er je geritten ist.

Ludger Beerbaum ist kein Mann für einen Schnellschuss. Ehe er seine Hengststation eröffnete, zogen Jahre ins Land. Jahre, in denen Top-Hengste wie Cornet Obolensky in seinem Turnierstall standen und zum Absamen zu einer anderen Station reisen mussten. Eine Zusatzbelastung für Hengste, die im Sport und in der Zucht ihren Mann stehen sollen. Und davon gab es im Turnierstall von Ludger Beerbaum mit der Zeit immer mehr. Montender, Goldfever I und der bereits erwähnte Cornet Obolensky ließen den Gedanken, eine Hengststation zu eröffnen, bei Ludger Beerbaum reifen. 2009 war es soweit, seine EU-Station stand.

Spaziergänge mit den Hengsten sorgen für Abwechslung im Tagesprogramm. Hier genieß Cordess die Entspannung.

Interesse an der Pferdezucht hatte Ludger Beerbaum schon immer. „Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich die Zucht auch verbessern kann“, gibt sich der mehrfache Europameister im Springreiten bescheiden. „Doch der Markt für besondere Hengste war und ist da.“ Daher war es nur die logische Konsequenz zum eigenständigen Anbieter zu werden. Bereut hat er diesen Schritt nie. Warum auch? Der Erfolg der Stationshengste im Sport und als Vererber spricht für sich. Ludger Beerbaum hat sich auf die Fahne geschrieben, mit den Besten zu züchten.

Ludger Beerbaum an der Box von Chaman, daneben lukt Goldfever aus der Box. Zwei der erfolgreichen Hengste und Vererber.

Vom Dackel zum Siegerflummi

Bestes Beispiel dafür ist der von ihm gezogene Comme il faut. Der Hengst, der Ausnahmestute Ratina Z zur Mutter und Cornet Obolensky zum Vater hat, erntete in der Züchterszene bei seiner Körung nur ein müdes Lächeln – „zu klein, kein Hengsttyp“. 2018 hat sich Comme il faut mit Marcus Ehning unter anderem im Weltcup-Springen im schwedischen Göteborg platziert. 430.000 Euro gewann der Hengst er bisher auf Turnierplätzen in aller Welt. 22 Söhne des 13 Jahre alten Hengstes sind gekört. Beerbaum bezeichnet ihn als Flummi und gibt zu, dass er nicht geglaubt hätte, dass aus dem „kleinen Dackel“, den Ratina zur Welt brachte, einmal so ein Großer wird. Er betont, dass Comme il faut sich nicht klein vererbe. Solche Erfahrungswerte sind ihm und seinen Mitarbeitern wichtig. „Viele Züchter kommen zu uns, unterhalten sich über die Hengste und wollen Hintergrundinformationen“, gibt Almuth Blaschke, Leiterin der Hengststation, Einblick in ihren Alltag. Sie ist seit Anfang an dabei, kennt jeden der Hengste in- und auswendig und weiß genau, wem der Turniereinsatz auch für das Deckgeschäft gut tut: „Das ist eine Typfrage. Bei Chaman war der Samen nach einem Turnier zum Beispiel immer besonders gut. Bei Montender war es hingegen ratsam zwei bis drei Tage mit dem Absamen zu warten.“ Hier grätscht ihr Chef ein: „Ihn hat das Decken auf andere Weise aber unheimlich positiv beeinflusst. Während der Zuchtsaison war er viel mutiger im Parcours.“ Zucht und Sport gehen also auch in dieser Hinsicht Hand in Hand. Dass der Erfolg der Hengste die Vermarktung ankurbelt, steht außer Frage. „Besonders, wenn die Hengste im Fernsehen zu sehen und international erfolgreich sind, steigt die Nachfrage“, weiß Almuth Blaschke. Die sportliche Karriere der Hengste sei immer wichtiger.

An die große Reithalle von Ludger Beerbaum grenzen Paddocks für die freie Bewegung der Pferde.

Ludger Beerbaum wirft ein, dass es darauf ankommt, wo die Züchter leben. „Beispielsweise sind die Anfragen aus den Benelux-Staaten, Polen und Tschechien sehr stark von der Eigenleistung des Hengstes abhängig. In Deutschland nimmt man immer noch am liebsten den Hengst, der frisch von der Körung kommt“, so der Riesenbecker kopfschüttelnd. Wobei aktuell eine leichte Tendenz zum erfolgreichen, erfahrenen Hengst festzustellen sei. Insgesamt ändere sich die Züchterwelt. Die reine Hobbyzucht wird seltener, das professionelle Management steht vermehrt im Fokus. „Das liegt auch daran, dass das Aussterben der bäuerlichen Kultur nicht aufzuhalten ist. Der Markt wird immer globaler“, weiß Beerbaum und fügt an: „Meines Erachtens spielt auch das Thema Embryo-Transfer in der Zukunft eine wesentlich größere Rolle. Da müssen wir mitgehen, obschon ich emotional eher bei den kleineren Züchtern bin.“ Ein Drittel aller Anfragen kommt auf der Station Beerbaum bereits aus dem Ausland. Tendenz steigend – genau wie die Nachfrage nach TG-Samen. Das kommt den Sporthengsten entgegen.

Global statt lokal

Geht es nach Ludger Beerbaum, muss sich auch die deutsche Zucht verändern. Sein Augenmerk bei der Auswahl der Hengste liegt ganz klar auf Leistung: „Das ist das Wichtigste. Sie müssen Geist haben, vermögend und leistungsbereit sein. Darauf kommt es an.“ Nur weil ein Hengst selbstbewusst ist, ist das für ihn kein Ausschlusskriterium für die Zucht. Almuth Blaschke ergänzt erklärend: „Hormone und Charakter sind nicht zu verwechseln. 90 Prozent der Wallache sind unkompliziert – wegen des fehlenden Testosterons.“

Ein Vorbild für die leistungsorientierte Zucht ist nach Beerbaums Meinung Belgien. Immer mehr Top-Sportpferde kommen aus dem Nachbarland. „Vielleicht sind sie nicht immer die Schönsten, aber springen können sie.“ Die Auswahlprinzipien für einen Zuchthengst stimmen in Deutschland häufig nicht, sagt er.

„Das System ist schlecht. Einen Zweijährigen vor der Kulisse einer Körung ausgebunden zu longieren, ist grundverkehrt. Zum einen können Sie es noch nicht, zum anderen müssen sie viel zu früh dafür antrainiert werden“, meint Beerbaum. „Als Horseman wird mir schlecht, wenn ich das sehe.“

Sinnvoller wäre es, die Pferde erst ein Jahr später unter dem Reiter zu beurteilen, findet er. Längst nicht jedes Freispring-Talent kann sein Vermögen unter dem Reiter beweisen.

Zinedine, der Traummann

Ludger Beerbaum ins Schwärmen zu bringen ist nicht leicht. Für Zinedine aber kein Problem. Von dem 14 Jahre alten KWPN-Hengst ist der 54-Jährige restlos überzeugt: „Er ist eines der drei besten Pferde, das ich je geritten bin. Seine Persönlichkeit, Springqualität und Intelligenz suchen seinesgleichen.“ Mit dem Guidam-Heartbreaker-Sohn war er international auf schwerstem Niveau hocherfolgreich. Aufgrund von einer Rückenverletzung musste Zinedine seine Sportkarriere frühzeitig beenden. „Ein Jammer“, findet Beerbaum. Zu gerne hätte er mit ihm an Erfolge wie dem zweiten Platz im Großen Preis von London 2014 angeknüpft. Nun steht nur noch lockere Bewegung für den charmanten Fuchs auf dem Plan. Top-Sport ist Geschichte. Zinedine ist nicht der einzige Hengst im Stall Beerbaum, der sportlich nicht mehr aktiv ist. Im selben Boxentrakt stehen Sportgrößen wie Goldfever, der mehr als 2,3 Millionen Euro Gewinngelder sammelte bis er 2009 beim CHIO Aachen aus dem Sport verabschiedet wurde. Mit seinen 27 Jahren genießt der Hengst seine Rente zwischen Weide, Paddock und Führanlage. Sein Boxennachbar ist Chaman, 19 Jahre alter Neurentner und ebenfalls Großverdiener: 1,8 Millionen gehen auf sein Gewinngeldkonto. Wie gesagt, Ludger Beerbaum ist kein Mann für Schnellschüsse. Wer bei ihm aufs Phantom will, muss sich erst beweisen.

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