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Weltmeisterschaften Pratoni del Vivaro

GOLD UND SILBER!

„Auf und nieder, immer wieder“ – so beginnt nicht nur der Refrain eines Bierzelt-Hits, das traf heute am Rande des Parcours dieser Weltmeisterschaften auch die Stimmung der Fans. Am Ende eines spannenden Tages wurden die deutsche und die britische Hymne gespielt.

Team-Gold für die deutsche Mannschaft. Vor allem nervlich hart erarbeitet.

Pratoni del Vivaro/ITA – Die wenigsten hätten darauf gewettet, nicht im Vorfeld und zumindest nicht nach dem ersten Dressurtag. Und obwohl das deutsche Team als „Overnightleader“ heute ins Springen gegangen war, blieb es eine Achterbahn der Gefühle. Am Ende stand die schwarz-rot-goldene Mannschaft mit dem Gesamtergebnis von 95,2 Punkten ganz oben auf dem Treppchen, die Silbermedaillen wurde den Reiterinnen und Reitern aus den USA umgehängt (100,3 Punkte), die neuseeländische Mannschaft gewann Bronze (100,7). Die im Vorfeld dieser Weltmeisterschaften als haushohe Favoriten gehandelten Briten um Chris Bartle mussten sich dank 100,9 Punkten mit Platz vier begnügen. Eine wahrlich knappe Kiste. In Sachen Olympische Spiele ebenfalls safe – sieben Nationen konnten sich hier für Paris 2024 qualifizieren – sind Irland (Platz fünf; 136,8 Punkte), Schweden (6.; 139,4) und die Schweiz (7.; 140,6).

Fit to compete – und wie!

Fünf mal „passed“ hieß es am Morgen. Die Erfolgswelle, auf der die Deutschen ritten, brach auch beim Vet-Ckeck nicht. Keines der Pferde war ein Wackelkandidat, alle trabten locker mit gespitzten Öhrchen, kein Zweifel: Fit fürs Springen. Und Mannschaftstierarzt Dr. Matthias Niederhofer erklärte auf die Frage, ob er in der Nacht viel zu tun gehabt habe: „Überhaupt nicht. Das war alles im ganz normalen Bereich.“ Generell hinterließen die meisten der vorgestellten Pferde einen guten Eindruck, lediglich vier wurden vor dem Springen zurückgezogen. Von den ursprünglich 89 nahmen schließlich 68 Paare den Parcours in Anspruch.

Mittelfeld, nicht Mittelmaß

Und der hatte es in sich! Ein 1,30 Meter-Kurs, 560 Meter lang, 13 Hindernisse, davon drei zweifache Kombinationen, zu reiten in 1:30 Minuten. Es dauerte beinahe 30 Reiter, bis die erste „Nullrunde“ gefeiert werden konnte. Auch Einzelreiterin Alina Dibowski gehörte nicht zu den Glücklichen. 16,8 Punkte sammelten die 21-Jährige und ihr Barbados im Parcours. „Nach dem ersten Fehler bin ich einfach zu sehr rückwärtsgeritten“, analysierte sie selbstkritisch, „aber daraus lernt man für die Zukunft“. Und dass sie eine große reiterliche Karriere vor sich hat, daran zweifelt keiner. Auch mit dem Ergebnis dieser WM kann sie zufrieden sein – bei ursprünglich 89 Startern Platz 45 im ersten großen Seniorenchampionat, das ist ein Platz im Mittelfeld, aber alles andere als mittelmäßig!

Mittelfeld und allen Respekt: Alina Dibowski und Barbados.

Wahlers Aufholjagd

Den Auftakt für die deutsche Mannschaft machte Christoph Wahler mit Carjatan S. Und die beiden hielten das deutsche Mannschaftsboot auf Goldkurs. Mit einer sicheren Nullrunde beließen sie es beim Punktestand nach Gelände (42,5) und belegten in der Einzelwertung am Ende Platz 22 – sowas nennt man eine Aufholjagd, nach der Dressur hatten sie auf Rang 54 gelegen. Der Hengsthalter vom Klosterhof freute sich entsprechend, bleib aber bescheiden: „Ein gutes Pferd lässt den Reiter glänzen“, erklärte er lachend.

Weniger gut lief es für Sandra Auffarth und Viamant du Matz, dem man ebenfalls eine fehlerfreie Runde zugetraut hatte. Ihre fulminante Geländerunde hatte sie auf Platz 14 katapultiert, drei Abwürfe bedeuteten ein Gesamtergebnis von 43,3 Punkten und Platz 23 hinter Christoph Wahler. „Das Gelände war sehr anspruchsvoll, das steckte wohl noch in den Knochen. Außerdem hat ihn die Atmosphäre beeindruckt, er war so ein bisschen mit allem anderen beschäftigt,“ so ihr Fazit. Es wurde wie wild gerechnet, das deutsche Team war auf den Bronzerang zurückgefallen.

Julia Krajewski und Amande de B'Neville – "ein abnormales Pferd".

Das änderte sich nach dem Ritt von Julia Krajewski auf Amanda de B’Neville wieder. Sie und ihre Mandy hatten nicht nur Aussicht auf eine Teammedaille, sondern als vorläufig Fünfte durchaus auch noch die Chance auf Edelmetall in der Einzelwertung. Und Mandy ging, als hätte sie keinen anstrengenden Tag hinter sich, oder, wie ihre Reiterin sagte: „Sie ist ein abnormales Pferd, sie ist abnormal gesprungen und gab mir ein mega Gefühl. Und das war schließlich kein A-Springen.“ Deutschland lag wieder auf dem Silberrang. Und nachdem die beiden Reiter, die vor der Bundestrainerin der U25-Reiter gelegen hatten, patzten – der britische Teamreiter Oliver Townend verließ den Parcours mit 16 Strafpunkten, die für die US-Mannschaft reitende Tamra Smith mit 8 – war ihr Bronze sicher.

Yasmin Ingham dagegen, Einzelreiterin der Briten und dem in Führung liegenden Michael Jung auf den Fersen, behielt im Parcours Nerven und Übersicht. Die 25-Jährige von der Isle of Man, der direkt der britischen Krone unterstellten Insel in der Irischen See, und ihr in Frankreich gezogener Banzai du Loir blieben fehlerfrei. Silber war ihnen sicher. Und dann wurde es Gold!

Überwältigt von diesem Tag, von diesen Weltmeisterschaften: Yasmin Ingham auf Banzai du Loir .

Eine Planke zuviel

Denn es geschah, womit niemand gerechnet hätte: Michael Jung, der ja bekanntlich auch in internationalen Springparcours Erfolge sammelt, und fischerChipmunk FRH hatten zwar einen Abwurf gut, doch es wurden zwei. Auch am allerletzten Sprung dieser Weltmeisterschaft, fiel nach leichter Berührung eine Planke in den Sand. Aus der Traum vom Einzeltitel! „Ich habe keine Ahnung, woran es lag“, so Michi Jung. „Er war super drauf und ich hatte ein sehr gutes Gefühl.“ Aber, ganz Sportsman, fügte er hinzu: Wir haben super gekämpft, das ganze Team, und das hat sich am Ende ausbezahlt. Darauf können wir stolz sein.“ Recht hat er. Mit dem Gesamtergebnis von 26,8 Punkten wurden der Reitmeister aus Horb im Schwarzwald und sein Hannoveraner Fünfte. Weltmeisterin ist Yasmin Ingham, Silber gewann Julia Krajewski und Bronze ging an den Neuseeländer Tim Price, der bei den Olympischen Spielen in Tokyo in der Einzelwertung Platz 24 belegt hatte, und seinen Hannoveraner Falco. Und so wurde bei der Team-Siegerehrung die deutsche, bei der Ehrung der Einzelmedaillen-Gewinner die britische Hymne gespielt – und erstmals hörte man bei einem Reitsport-Championat die Briten „God save the King“ singen.

Letzte Etappe einer Achterbahn der Gefühle in der Kiss-and-Cry-Zone: Der Moment, als Michael Jung im Parcours Einzel-Gold verlor.

Peter Thomsen übrigens, bei diesen Weltmeisterschaften zum ersten Mal als Bundestrainer verantwortlich, war zu Recht glücklich: „Mir geht’s gut. Es war ein Auf und Ab, es wurde spekuliert, kalkuliert, gejammert und gefreut. Aber jetzt ist es top!“ Letztes Statement zu staubigen, spannenden, spektakulären Weltmeisterschaften. Ende gut, alles gut.

Weltmeisterin Yasmin Ingham , neben Vize-Weltmeisterin Julia Krajewski und Bronze-Gewinner Tim Prize.

Einzelergebnis

Teamergebnis