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Zehn Fakten zum Wälzen

Warum das Pferd die Rolle im Dreck liebt

Schlammpackung, Sandpeeling – vom Saubermann-Image sind Pferde am liebsten weit entfernt. Wir klären auf, warum Wälzen wirklich wichtig ist.

Fellpflege pur: Wälzen gehört für Pferde zum Alltag.

1. Warum wälzen sich Pferde?

„Es gibt verschiedene Gründe“, erklärt Dr. Margit Zeitler-Feicht. Sie ist Verhaltensexpertin und arbeitet seit über 30 Jahren am Wissenschaftszentrum Weihenstephan der TU München. Ihr Schwerpunkt ist die Forschung zu tiergerechter Haltung. Über das Wälzen sagt sie: „Wälzen dient primär zur Fellpflege und fördert damit das Wohlbefinden. Im Frühjahr zur Zeit des Fellwechsels ist es besonders häufig zu beobachten.“ Zum anderen kann Wälzen aber auch mit negativen Gefühlen in Zusammenhang stehen. Das kann der Fall sein, wenn die Haut juckt, beispielsweise aufgrund von Insektenstichen oder Allergien. Ein weiterer Grund sind Schmerzen. „Bekanntes Beispiel ist das Wälzen der Pferde bei Kolik“, erklärt die Expertin. Ein dritter Aspekt ist Frustration. In diesem Fall kann Wälzen ein Übersprungverhalten sein. „Hat sich Energie aufgestaut, wenn das Pferd beispielsweise nur selten auf die Weide kommt, ist der Bewegungsdrang so groß, dass sich das Pferd erst wild austobt und dann in seiner Übermotivation hinwirft und sich wälzt.“ Auf jeden Fall ist Wälzen ein Grundbedürfnis, das dem Pferd jeden Tag ermöglicht werden muss.

2. Wie sieht das Wälzritual aus und was bedeutet es?

Pferde suchen sich ihren Wälzplatz am liebsten auf Erd- oder Sandböden. Sie schnüffeln und untersuchen die Gerüche. „Sie prüfen unter anderem, welcher Sozialpartner sich dort schon gewälzt hat“, sagt Zeitler-Feicht. Dann scharren sie, um den Untergrund zu prüfen, bevor sie mit den Vorderbeinen einknicken und sich auf eine Seite legen.

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3. Hat ein Pferd, das sich nicht von einer Seite auf die andere rollen kann, ein gesundheitliches Problem?

„Das einseitige Wälzen ist angeboren“, gibt Zeitler-Feicht zu bedenken. „Das Rollen von einer Seite über den Rücken auf die andere ist wiederum erlernt.“ Man kann also sagen, dass es eher an der Sportlichkeit des Pferdes liegt, ob es eine Rolle über den Rücken schafft oder nicht. Manche Pferde stehen wieder auf, bevor sie sich auf die andere Seite legen, andere gewöhnen sich an, sich kurz aufzusetzen und dann auf die andere Seite fallen zu lassen. „Das kann auch den Grund haben, dass sie sich unter dem Bauch oder an den Schenkeln jucken wollen“, so die Expertin. Nur, wenn ein Pferd seine Wälz-Technik abrupt verändert und sichtlich unzufrieden ist, kann ein gesundheitliches Problem dahinter stecken.

4. Gibt es Pferde, die sich überhaupt nicht wälzen?

Nein! Schon Fohlen beginnen in den ersten Lebenstagen mit diesem angeborenen Verhalten. „Wenn sich ein Pferd überhaupt nicht wälzt, hat das Gründe“, warnt die Verhaltens-Expertin. Diesen müsse man auf den Grund gehen. Hat es Schmerzen? Wie bereits erwähnt, gehört Wälzen zum täglichen Pflegeprogramm. Meiden sie es, stimmt etwas nicht.

5. Bevorzugen Pferde trockene oder schlammige Böden?

Es kommt auf die Motivation fürs Wälzen an. Am liebsten wälzen sich Pferde auf trockenem Erdboden. Im Frühjahr während des Fellwechsels bevorzugen aber manche Pferde feuchte Böden. „Trocknet der Schlamm an, bleiben abgestorbene Hautschuppen und Haare drin hängen und fallen mit der Erde ab. Trockener Sand wirkt hingegen wie ein Peeling. Im Grunde genießen sie beides. Pferde, die nicht ständig Zugang zu Erdböden haben, wälzen sich auch gerne im Stroh oder in den Sägespänen, besonders wenn frisch eingestreut ist.

6. Warum entsteht häufig eine Kettenreaktion, wenn sich Pferde wälzen?

Es ist eine Stimmungsübertragung, „ein neurophysiologischer Prozess“, erklärt die Expertin. Beispielsweise vergleichbar mit dem Gähnen beim Menschen. Gähnt eine Person, schließen sich meistens weitere an. Wälzt sich ein Pferd, steckt es seine Artgenossen regelrecht an.

7. Stimmt es, dass sich Hengste, die in der Herde leben, immer als Letzte der Herde wälzen?

Ja, das stimmt! Und es hat einen Grund. „Wälzt sich ein Pferd, hinterlässt es seinen Geruch an dieser Stelle“, gibt Dr. Margit Zeitler-Feicht zu bedenken. „Der Leithengst wälzt sich deshalb als Letzter, um den Geruch der anderen zu überdecken.“ In Gruppen, die aus mehreren Junghengsten bestehen – sogenannte Bachelor-Gruppen – wird am Wälzritual deutlich, wer das Sagen hat. „Derjenige, der sich als Letzter wälzt, ist der Ranghöchste“, macht die Expertin deutlich. In den bunt gemischten Herden mit Stuten und Wallachen, die es heute häufig gibt, ist die Reihenfolge jedoch nicht deutlich zu erkennen.

8. Müssen Pferde ihren Herden-mitgliedern oder Menschen sehr vertrauen, um sich neben ihnen zu wälzen?

„Das hängt von der Ursache ab“, sagt Dr. Margit Zeitler-Feicht. „Ist es eine Komforthandlung, die mit Wohlbefinden assoziiert ist, dann dürfte die Vertrautheit eine Rolle spielen. Hat das Pferd jedoch Schmerzen beispielsweise bei einer Kolik, dann wird es sich hinlegen und wälzen, unabhängig davon, ob der Mensch in seiner Nähe seine Vertrauensperson ist oder nicht.“

9. Ist Wälzen mit Decke im Winter überhaupt effektiv?

Nein, mit Decke ist der Wälz-Nutzen absolut nicht erfüllt. „Das Komfortempfinden des Pferdes wird in diesem Fall nicht befriedigt“, mahnt Zeitler-Feicht mit Nachdruck. Pferdebesitzer sollten also darauf achten, dass auch eingedeckte Pferde im Winter täglich die Möglichkeit bekommen, sich frei ohne Decke zu bewegen, um dem Bedürfnis nach Wälzen nachgehen zu können.

10. Was bedeutet es, wenn Pferde versuchen, sich unter dem Reiter zu wälzen?

Anfangs ist es ganz einfach ein angeborenes Bedürfnis, sich zu wälzen, wenn es juckt. „Schwitzt ein Pferd beispielsweise beim Reiten stark, will es sich hinlegen“, macht Dr. Margit Zeitler-Feicht deutlich. „Ob ein Pferd dies aber auch bei fortschreitender Ausbildung noch versucht, ist ganz einfach eine Frage der Erziehung.“ Problematischer ist es, wenn sich Pferde unter dem Reiter oder vor der Kutsche aufgrund von Stress hinwerfen. Dann ist es eine Übersprunghandlung. „Sie wollen am liebsten flüchten, haben aber keine Möglichkeit“, verdeutlicht die Wissenschaftlerin. In diesem Fall ist es wichtig, der Ursache auf den Grund zu gehen und Vertrauen zu schaffen.