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Achtung, Missverständnis!

Wird die Reitlehre falsch gelehrt?

Oft interpretieren Reiter die Hilfen anders als sie gemeint sind. Das zeigte das Ergebnis unserer großen Online-Umfrage, an der rund 5.000 Reiter teilnahmen. Sind es die Begriffe, die missverständlich sind oder können Trainer Details nicht gut genug vermitteln? Thies Kaspareit, Christoph Hess und Michael Fischer stellen sich der Diskussion.

Kommunikation hoch drei: Versteht der Reitschüler den Trainer nicht richtig oder erklärt dieser Zusammenhän- ge falsch, kann das Pferd die Reiterhilfen nicht richtig umsetzen.

Wenn Sie das Reiten auf ländlichen Turnieren beobachten, haben Sie das Gefühl, dass die Reitlehre wirklich verstanden wird?

Thies Kaspareit: Man kann das Glas halb voll oder halb leer sehen. Ich sehe zwar auch die Reiter, die die Reitlehre nicht verstanden haben, aber ich sehe relativ viele, die es richtig verstehen. Das ist für mich ein Beleg dafür, dass die Lehre funktioniert. Ich prüfe regelmäßig Pferdewirte und Pferdewirtschaftsmeister. Da sehen wir nicht nur Gutes, aber einige, die genau verstanden haben, wie die Reitlehre aufgebaut ist. Ich glaube aber nicht, dass man Reiten durch Lesen lernen kann. Es braucht immer einen Ausbilder, der es richtig vermittelt.

Christoph Hess: Besonders Menschen, die älter werden, vermitteln oft den Eindruck, dass früher alles besser war. Das kann ich so nicht bestätigen. Natürlich haben wir sowohl in kleineren als auch höheren Prüfungen gute und schlechte Reiter, aber wenn ich die guten sehe, habe ich definitiv den Eindruck, dass sie die Reitlehre verstanden haben. Mein Vorgänger damals bei der FN sagte immer: Schlechte Reiter sind grobe Reiter. Und da ist etwas dran. Die schlechten Reiter horchen oft nicht ins Pferd hinein und wollen sich entweder gar nicht weiterbilden oder sie suchen sich Quellen, die ihnen liegen. Früher gab es wenige Fachbücher, heute wird viel Halbwissen im Internet gestreut. Das sind häufig dann Ansätze, die von der klassischen Lehre abweichen. Ich denke, an der Stelle muss die FN auch immer nachlegen, um es richtig zu erklären.

Michael Fischer: Es gab wohl nie eine Zeit, in der man pferdegerechter sein wollte als heute. Das öffnet viele Wege für Trainer, die von der FN-Reitlehre abweichen. Das kann teils gefährlich sein. Mein Eindruck von Turnieren ist auch nicht, dass schlechter geritten wird als früher. Doch ich sehe oft auf den Lehrgängen, dass vermeintliche Formeln und Grundaussagen, wie die diagonale Hilfengebung zwar gewusst, aber die Zusammenhänge nicht so wirklich nachvollzogen werden. Das finde ich erschreckend. Denn Reiten lernt man zwar durch Reiten, aber eben auch durch Wissen und Verstehen. Die Verständnisfehler sind dabei tatsächlich gleich, egal ob Einsteiger oder S-Reiter.

Und wo hapert es?

Michael Fischer: Ich denke, dass in der Reitlehre ein wichtiger Punkt fehlt: nämlich das Grundverständnis zu definieren. Wie versteht ein Pferd? Schon der Reiter, der beispielsweise gelernt hat, sein Pferd geschlossen zu halten, agiert meistens falsch, aufgrund der Begrifflichkeit. Er müsste im Vorfeld schon begreifen, dass er sein Pferd nicht geschlossen halten kann. In seinem Kopf geht er davon aus, dass er etwas halten muss. Er sieht es als seinen Job an und deshalb setzt er Kraft ein. Für mich ist die Reitlehre, so wie wir sie in den Richtlinien lesen, mehr eine Ergebnislehre als eine Reitlehre. Denn viele Reiter wissen zwar, dass sie, wenn ihr Pferd vorhandlastig läuft, Übergänge reiten sollen. Doch sie wissen oft nicht, was wirklich trainiert werden soll. Sie reiten also diese Aufgaben, die grund sätzlich auch richtig sind, aber sie reiten sie falsch, weil sie die biomechanischen Zusammenhänge von Pferd und Reiter nicht verstehen.

In der Skala der Ausbildung ist der erste Punkt der Takt. Doch der Takt ist ja schon ein Ergebnis von Grundfaktoren, die funktionieren müssen. Da fehlt es den Reitern oft an Ahnung, wie sie den Takt überhaupt sichern können.

Thies Kaspareit: Ja, das Thema Grundverständnis ist auch absolut mein Thema. Wir haben es in den Richtlinien Band I schon vertieft und in Band II nochmal aufgegriffen. Ich war gestern bei einer Demonstration von Hubertus Schmidt beim Berufsreitertag. Bei solchen Lehrstunden schwingt immer sehr schön genau diesesGrundverständnis mit. Nur darauf aufbauend kann man die Reitlehre wirklich verstehen und umsetzen. Alles andere ist Technik. Hubertus Schmidt hatte gestern ein junges Pferd, das nicht an der Bande entlang gehen wollte, aufgrund der Zuschauer. Er sagt dann selbstverständlich: „Reite bloß nicht zur Bande, sondern beginne lieber auf dem Mittelzirkel. Solange, bis das Pferd sich loslässt und mitarbeitet.“ Nach alter Väter Sitte hätte man wohl eher gesagt: „Jetzt musst du dich erst mal durchsetzen." Doch dadurch kommt nur Stress auf und es hilft niemandem.

Mit dem richtigen Grundverständnis kann man eine Menge erreichen.

Christoph Hess: Ich glaube, wenn wir Unterricht geben, müssen wir versuchen, uns in die Rolle des Pferdes zu versetzen. Martin Plewa hat einmal die schöne Formulierung gebraucht: „Wir müssen uns als Menschen verpferdlichen und dürfen das Pferd nicht vermenschlichen.“ Ich spüre häufig, dass viele Reiter zu sehr von sich ausgehen und zu wenig ins Pferd hineinhorchen, obwohl sie es gut machen wollen. Nur häufig bekommen sie es nicht so gut hin. Darauf müssen wir tatsächlich noch mehr den Fokus legen. Ich habe in meinen Büchern bewusst keine Richtlinien-Terminologie verwendet, weil mein Ziel war, reiterliches Gefühl zu vermitteln. Das ist die Herausforderung. Sowohl in der Ausbildungslektüre als auch im Unterricht. Und zwar ständig.

Michael Fischer: Mein oft verwendeter Satz ist: „Ein Pferd kann seinen Reiter nicht sehen und nicht verstehen.“ Und plötzlich fangen die Reiter an zu überlegen, dass das Pferd sie im Grunde nur gut spüren kann. Der Mensch hat wiederum gelernt, mit den Augen zu sehen und mit den Händen zu bearbeiten. So richtet er sichaus. Und genau das ist es, was wir beim Reiten abstellen müssen. Fast jeder Trainer sagt seinen Schülern, siesollen nicht nach unten schauen. Es gelingt ihnen oft nicht, weil sie nicht verstehen, warum nicht. Mal abgesehen von den physischen Nachteilen hat der Mensch durch den Blickkontakt auf das Pferd das Gefühl, dass er ihm mitteilt, was er will. Doch das Pferd hat diesen Blickkontakt nicht.

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Reiter erwarten zu sehr, dass ihre Pferde mitdenken?

Michael Fischer: Aus meiner Sicht liegt das auch daran, dass viele Reiter davon berichten, wie sehr ihre Pferde für sie kämpfen. Das setzt voraus, dass sie dies bewusst tun. Und wenn sie bewusst für uns sein können, können sie auch bewusst gegen uns sein. Das ist ein heikler Weg. Denn im Grunde ist das Pferd natur- und instinktgesteuert. Die meisten wissen auch, dass es so ist, doch wenn sie reiten, sprechen sie plötzlich davon, dass ihre Pferde sie veräppeln wollen. Doch wenn ich das Pferd vermenschliche, werde ich das Reiten nie reell umsetzen können. Der Reiter muss sich im Klaren sein, dass das Pferd die Hilfen nicht mit dir als Mensch verbindet. Es spürt sie einfach und handelt instinktgesteuert.

Thies Kaspareit: Ich habe zehn Jahre in Wien an der medizinischen Hochschule bei den Pferdewissenschaftlern Vorträge gehalten. Da habe ich ein ähnliches Beispiel genannt: Ob ein Pferd Vertrauen zum Springen hat,wurde ich immer wieder gefragt. Die innige Beziehung zwischen Mensch und Pferd ist eine gute Grundlage, hat aber gar nichts damit zu tun, ob ein Pferd über ein Cavaletti springt oder nicht. Da geht es um das Vertrauen zu der reiterlichen Einwirkung. Wenn die stimmt, ist es dem Pferd recht egal, wer im Sattel sitzt. Wir als Ausbilder sind immer wieder in der Situation, diese Dinge zu erklären. Vielleicht muss man dies auch noch expliziter aufschreiben, um noch mehr Menschen zu erreichen.

Michael Fischer: In meinen Lehrgängen stelle ich fest, dass 95 Prozent davon noch nie etwas gehört haben. Ich glaube, dass die Reitlehrer und Trainer gefragt sind, gemeinsam dieses Grundverständnis weiterzugeben. Denn bei den meisten Reitern, die unfair zu ihren Pferden sind, ist der Auslöser Frustration und Machtlosigkeit.

Geht es dabei nur um das Verständnis, wie Pferde handeln oder auch um das richtige Verständnis von Begriffen aus der Reitlehre?

Michael Fischer: Beides. Ein Beispiel ist der Begriff „Druck “. Viele Reiter glauben, je mehr Druck sie machen, desto fleißiger wird ihr Pferd, doch Druck wirkt eher beruhigend, Impulse hingegen aktivierend. Das ist ihnen nicht bewusst. Und schon sind die Hilfen sinnlos. Die besseren Reiter sind sich dessen bewusst, aber die Frage nach dem Warum kommt zu selten. Deshalb können sie es oft auch nicht vermitteln.

Christoph Hess: Das kann ich absolut nachvollziehen. Auch ich habe als Jugendlicher viel über trial and error ausprobiert, aber zu Ungunsten des Pferdes. Es ist ja anders, wenn ich Golfspiele und solange herumprobiere, bis ich den Dreh raus habe, oder ob ein Pferd durch mein Unwissen in Mitleidenschaft gezogen wird. Da ist es wichtig, dass die Trainer von vornherein die richtigen Voraussetzungen schaffen. Es geht nicht darum, dass die Reiter erfolgreich sind, sondern dass sie korrekt von A nach B reiten. Sie müssen ein Gefühl für die eigene Balance und die Balance des Pferdes haben. Es muss nicht optisch schön sein, aber harmonisch. Wir haben heute sehr viele Reiter, die Informationen aus zweiter Hand beziehen. Viele gucken ins Internet, lesen dort Berichte über verschiedene Trainingsaspekte und meinen dadurch zu wissen, wie es geht. Ihnen fehlt aber das Gespür für das Pferd. Ich habe gerade ein Vorwort für das neue „FN-Handbuch lehren und lernen“ geschrieben. Darin geht es darum, dass das Pferd uns in der heutigen Zeit erdet und zur Natur zurückbringt. Der Trainer muss die Kriterien der Körpersprache der Pferde vermitteln und dem Reiter dafür ein Gefühl geben.

Das heißt auch, nicht nach Schema F zu reiten, sondern sich dem Verhalten des Pferdes anzupassen?

Christoph Hess: Ja, und sich auch bewusst zu machen, welchen Einfluss meine Stimmung auf das Pferd hat. Ich nenne mal das Beispiel einer polnischen Reiterin, die in der recht vollen Halle Außengalopp übenwollte. Der Handgalopp war super, aber als sie in den Außengalopp wechseln wollte, kam Spannung auf. Sie sagte selbst, sie sei wegen der vielen anderen Reiter unsicher geworden. Das hat sie gut analysiert. Pferde haben so feine Antennen, dass sie das direkt spüren und umsetzen. Das muss sich der Reiter bewusst machen. Denn das Herdentier Pferd braucht eine Führung und die muss der Reiter ihm geben und zwar immer im Sinne des Pferdes und nicht gegen das Pferd. Wenn man die Hilfen richtig einsetzt, ist es wunderbar, wenn mansie falsch einsetzt, kann das auch schnell tierschutzrelevant werden.

Viele Teilnehmer unserer Umfrage haben angegeben, die Richtlinien zu kennen, doch teilweise wurden sie nicht richtig verstanden.

Thies Kaspareit: Es ist ja schön, dass über 80 Prozent der Umfrage-Teilnehmer einen Blick in die Richtlinien geworfen haben. Doch unser Problem ist, dass nicht jeder sich wirklich damit auseinandergesetzt hat. Oft behaupten Trainer, sie vermitteln die klassische Reitlehre und die Schüler glauben dies, doch im Ergebnis ist es die ganz häufig nicht.

Ein Beispiel, das zwar richtig in den Richtlinien steht, aber von einem Großteil der Umfrageteilnehmer falsch eingeordnet wurde, ist der Sitz in der Wendung.

Thies Kaspareit: Bezüglich des Drehsitzes in der Wendung haben wir in den Richtlinien bei der letzten Neufassung entschieden, dass wir die Linien herausnehmen, um die Leser nicht zu sehr dazu zu bringen, formales sitzen zu lernen, sondern sich auf dem Pferd einzufühlen. Die Form ergibt sich, wie Eckart Meyners sagt, eher aus der Funktion. Der Drehsitz in der Wendung steht im Grunde richtig in den Richtlinien, ich weiß aber auch aus eigener Erfahrung, dass er wenig vermittelt wird. Darauf müssen wir in der nächsten Überarbeitung noch mehr eingehen, um diese Grundlage zu schulen. Die Reiter wollen ihre Pferde arbeiten, aber lassen diese Grundlagen oft aus. Wir müssen uns also der Kritik stellen, dass wir es zwar richtig beschrieben haben, es aber nicht gut genug auf die Straße bekommen.

Christoph Hess: Wir müssen auch erkennen, was die Richtlinien leisten können. Sie sind der rote Faden. Aber man muss sie auch übermitteln. In vielen Lehrstunden, die ich gebe, bin ich heilfroh, wenn da Pferde vorgestellt werden, die alltägliche Probleme haben, beispielsweise buckeln oder nicht an den Zuschauern vorbeigehen. Denn daran lässt sich gut erklären, wie pferdegerechtes Reiten funktioniert. Ich glaube, wir müssen uns mehr und mehr auf die heutige Klientel einstellen. Die Reiter lesen weniger und gucken sich mehr kurze Clips im Netz an. Darüber müssen wir sie erreichen.

Wir sollten also eine große Fülle an alltäglichen Themen aufbereiten, mit denen Reiter konfrontiert sind und anhand des roten Fadens der Richtlinien erklären, wie Probleme zu lösen sind.

Michael Fischer: Ich denke, dass es oft am Verständnis der Sprache hapert. Da ist beim Sitz in der Wendung von „die innere Hüfte vorschieben“ und „die äußere Schulter vornehmen“ die Rede. In der Praxis muss man leider sagen, dass viele Reiter die Bewegungen dann falsch interpretieren und sich völlig verdrehen. Aus meiner Sicht ist es deshalb ein heikler Punkt, wenn man die Linien aus den Richtlinien entfernt, denn die klaren Strukturen der Achsen geben dem Reiter ein ganz gutes Bild. In der Wendung sollte die Hüftachse des Reiters ganz simpel gesagt das gleiche tun, was die Hüftachse des Pferdes macht und die Schulterachse des Reiters sollte parallel zur Schulterachse des Pferdes sein. Wenn man diese Achsen sieht, bekommt man ein gewisses Grundverständnis für die Biomechanik zwischen Pferd und Reiter.

In der Umfrage hat ein großer Teil der Reiter geantwortet, er habe die diagonalen Hilfen verstanden. Dochschon in der nächsten Frage, ob er dies in der Praxis umsetzen kann, kam sehr oft „teilweise“ als Antwort. Die Reiter sind sich in ihrem Tun schon nicht ganz sicher. Doch wenn man die Achsen erklärt, verstehen die Reiter, wie aus diesem Sitz in der Wendung die Längsbiegung entsteht. Wichtig wäre doch, dass auch die jungen Trainer das schon verstehen und vermitteln können.

Thies Kaspareit: Als ich die letzte Überarbeitung der Richtlinien angegangen bin, war die alte Version ja nicht schlecht. Sie war vor allem noch knapper. Ich habe lange mit Herrn Stecken zusammengesessen und ihm war das damals schon viel zu ausführlich. Er hätte es gerne noch kürzer gefasst, weil er die Lehre aber auch verinnerlicht hatte. Die Idee ist ja, dass die Ausbilder die Grundlagen wissen und in den Richtlinien ein paar Details nachlesen.

In den aktuellen Richtlinien sind zum ersten Mal die diagonalen Hilfen ausführlich erklärt. Das gab es davor so nicht. Wir erarbeiten diese intensiven Beschreibungen immer ein bisschen mehr, müssen aber schauen, ob das auf Dauer nicht zu detailliert ist und es vielleicht auch irgendwann eine Grundform der Richtlinien mit den wesentlichen Dingen geben muss und eine ergänzende Literatur.

Sorgt die intensivere Beschreibung denn für mehr Verständnis oder für das Gegenteil?

Thies Kaspareit: Es muss sowohl knapp und eingängig sein, als auch so detailliert, dass es alle Schritte umfasst. Als ich an den Richtlinien gearbeitet habe, habe ich mich mit den Galopphilfen befasst. Die Hilfen waren in den alten Richtlinien auch richtig beschrieben, dennoch galoppierte mein Pferd so nicht an. Ich musste mich also noch konkreter damit auseinandersetzen, was der Reiter da auf dem Pferd im Detail macht und welchen Impuls er gibt. Noch heute ist das Angaloppieren auf den äußeren Schenkel sehr verbreitet. Ebenfalls eine Fehlinterpretation.

Christoph Hess: Die Richtlinien sind eine tolle Hilfe, aber sie ersetzen weder das Reiten noch das Ausbilden. Müssen wir also rangehen und alles biomechanisch korrekt erklären oder geht es vielmehr darum, den Reiter durch Fühlen verstehen zu lassen? Das hängt individuell vom Reiter ab. Denn Menschen lernen ebenso wie Pferde sehr unterschiedlich und das Alter spielt dabei auch eine wichtige Rolle. Ich lasse den Reiter oft fühlen und steige dann ins Gespräch mit ihm ein. Das bringt häufig mehr als Begrifflichkeiten. Fragen Sie mal, was eine halbe oder eine ganze Parade ist? 50 Leute werden 50 verschiedene Antworten geben.

Kann man denn die Reitlehre so herunterbrechen, dass sie jeder versteht?

Michael Fischer: Ja, der Grundsatz ist, dass der Reiter sich und seinen Körper unter Kontrolle hat und das Pferd so ausbildet, dass es sich und seinen Körper ebenfalls kontrollieren kann. Dann reicht feinste Hilfengebung. Erkläre ich dies, schauen mich viele Reiter an und haben einen richtigen Aha-Moment. Sie bekommen es nicht unbedingt sofort hin, aber sie verstehen, worauf sie hinarbeiten müssen. Jeder logisch denkende Mensch versteht es sofort. Er braucht zwar oft Jahre, um es umsetzen zu können, aber die Grundlage ist da. Schade ist, wenn Reiter motiviert sind, fleißig und seit 20 Jahren versuchen, besser zu werden, trotzdem aber nur Mist machen, weil ihnen diese Grundlage fehlt.

Wo kann man also ansetzen?

Michael Fischer: Wir müssen uns fragen, ob doch mehr eine Ergebnislehre statt einer Trainingslehre vermittelt wird, denn dann werden die Trainer diese an ihre Schüler weitergeben. Guckt das Pferd sich an etwas fest und der Trainer ruft „innerer Schenkel, äußerer Zügel“, ist den Trainern oft selbst nicht bewusst, dass sich der innere Schenkel und der äußere Zügel nicht an der Hallenbegrenzung ausrichten, sondern an der Ausrichtung des Pferdes. Sie geben also einen Tipp, der den falschen Effekt haben wird. Die alten Meister wissen das, aber sie erreichen nicht das Gros der Reiter. Die Richtlinien können sicherlich kein flächendeckend gutes Reiten leisten, aber sie müssen den Anstoß geben, wie man mit den Alltagsproblemen umgeht und worauf es dabei wirklich ankommt. Denn wenn die Reiter nicht verstehen, gehen sie andere Wege und die klassische Reitlehre wird oftmals verteufelt, obwohl sie eigentlich der richtige Weg wäre.

Thies Kaspareit: Wir müssen den Mut haben, ein bisschen zu reduzieren. Das ist kein neuer Gedanke. Die erfahrenen, guten Ausbilder erzählen nicht viel Kompliziertes. Sie beschreiben mit einfachen Worten Basisdinge, die das richtige Verständnis vermitteln.

Michael Fischer: Es ist wie beim Wasser. Es fließt den Weg des geringsten Widerstands. Und Muskulatur geht ebenfalls den Weg des geringsten Widerstands. Die Reiterei ist auf der Basis der Natur des Pferdes also sehr simpel zu erklären. Denn auch das Pferd geht den Weg des geringsten Widerstands. Wenn der Reiter nun die Achsen auf der Geraden und in der Wendung sowie seine Balance und die Balance des Pferdes kontrolliert bekommt, macht er es dem Pferd leicht. Es wird also keinen Grund haben, sich zu wehren, weil der Weg des geringsten Widerstands der ist, den Vorgaben des Reiters zu folgen. Es fühlt sich wohl. Das ist Natur. Und genau das muss der Reiter verstehen. Mit simpler Erklärung. Setzt man beispielsweise nur auf das Erfühlen, kann es sein, dass sich gerade bei Einsteigern Abläufe sensationell anfühlen, aber für Pferd und Reiter nicht wirklich gut sind.

Thies Kaspareit: Zu diesen Aspekten gehört, wie Sie schon ansprechen, der ausbalanciert sitzende Reiter und das Pferd im Gleichgewicht. Wenn wir dies mit den Schülern bewusst erarbeiten, kann man auch daran viel erklären.

Michael Fischer: Absolut. Nur auch da fehlt oft das Verständnis der Zusammenhänge. Viele Schüler fragen mich: „Wie bekomme ich meine Hände ruhiger?“ Ich schaue daraufhin als erstes auf ihre Unterschenkel und ihre Kopfposition. Denn diese zwei Endpunkte des Körpers sorgen dafür, dass die Balance stimmt. Und nur dann kann man die Hände ruhig halten. Auch da fehlt vielen das Bewusstsein. Viele Reiter sitzen im Stuhlsitz und es ist ihnen gar nicht bewusst.

Es ist also wichtig, das Bewusstsein des Reiters für seine Handlung im Sattel zu schärfen.

Christoph Hess: Wir müssen den Reiter aber auch da abholen, wo er steht. Früher wurden die Reiter ange-schrien und haben nur schnell versucht zu reagieren. Aber das Pferd spiegelt sehr die Stimmung des Reiters wieder. Wir werden ein Pferd nie zufrieden bekommen, wenn der Reiter nicht zufrieden ist. Man muss als Trainer also nah am Reiter sein. Da kann übrigens auch das Coach Phone helfen. Ich muss aber auch den Dialog mit dem Reiter aktiv führen, welche Ziele er verfolgt. Darauf muss ich dann den Unterricht abstimmen.

Gehen die Ausbildung zum Trainer C oder die Pferdewirtausbildung genug auf diese wichtigen Aspekte ein?

Thies Kaspareit: Die Trainerausbildung ist ein sehr komplexes Thema. Wir haben 120 Lerneinheiten beim Trainer C und es fallen uns garantiert 700 ein, die noch sinnvoll wären, um die Trainer wirklich in allen Bereichen zu schulen. Ich bin sehr dafür, dass wir mehr pädagogische Ansätze und Ideen einbringen, aber ohne die Lehre zu überfrachten. Wichtig ist vor allem, dass die Trainer lernen, einen wertschätzenden Umgang mit dem Schüler zu pflegen. Und das Detailwissen sollte er sich bestenfalls zusätzlich aneignen. Wir sollten vielleicht noch stärker herausarbeiten, was die wesentlichen Dinge sind, die den Reiter zum Ausbilder machen.

Christoph Hess: Als Reiter hört man nie auf zu lernen. Ich denke sogar, dass es wichtig ist, dass der Trainer C-Absolvent sich bewusst ist, dass er weiß, dass er gar nichts weiß und entsprechend bestrebt ist, die nächsten Schritte zu gehen. Er hat den ersten Aufschlag gemacht und muss sich nun weiterentwickeln. Ein Lehrer, der von der Uni ins Referendariat geht, ist ja auch noch nicht der perfekte Pädagoge. Er wächst dann rein.

Michael Fischer: Auch die Pferdewirte geben sehr oft Unterricht, um Geld zu verdienen. Und gerade diese Trainer an der Basis sind die wichtigsten überhaupt. Es muss der Anspruch sein, dass genau diese Leute gute Lehrer werden. Wahr ist ja nicht, was A sagt, sondern was B versteht.

Kann man von den Nachwuchstrainern erwarten, dass sie die Komplexität der Reitlehre im Detail verstanden haben?

Christoph Hess: Es geht um das Bestreben, sich stetig zu entwickeln. Mein Vorgänger bei der FN ist kurz vor seinem Tod mit etwa Ende 60 in meinem Büro gewesen, er hatte irgendwo etwas gelesen und sagte zumir: „Christoph, ich habe jetzt verstanden, was eine halbe und eine ganze Parade sind." Er hatte sich sein Leben lang mit Pferden und dem Reiten beschäftigt. Man darf also auch nicht vergessen, dass Reiten ein fortwährender Prozess des Lernens ist. Man muss sich auch etwas Zeit geben und sich immer wieder bemühen, zu hinterfragen, ob man es verstanden hat und auf dem richtigen Weg ist.

Michael Fischer: Und genau das ist aus meiner Sicht wichtiger zu vermitteln, als dass der Daumen dachförmig ist. Denn wenn wir diese Neugierde des Reiters und die Begeisterung für das Verstehen, wie Pferde ticken, immer weiter wecken, erreichen wir, glaube ich, mehr für gutes Reiten.

Unsere Experten

Thies Kaspareit, Leiter der Abteilung Ausbildung bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), gewann 1988 Olympisches Team-Gold in der Vielseitigkeit und ist seit zehn Jahren Leiter der Abteilung Ausbildung und Wissenschaft. Er hat die Richtlinien Reiten und Fahren mit überarbeitet und beschäftigt sich fortwährend mit der Frage, wie die Reitlehre vermittelt werden kann.

Christoph Hess, Grand Prix-Richter und Ausbildungsbotschafter der FN, war bis 2012 Leiter der Abteilung Ausbildung der FN und hat diverse Bücher geschrieben, in denen die Reitlehre verständlich erklärt wird. Er gibt Lehrgänge im In- und Ausland und möchte mit seinen Schülern in den Dialog kommen, um das richtige Gefühl für das Reiten zu erarbeiten.

Michael Fischer, Sozialpädagoge, Ausbilder und internationaler Springreiter erlebt in Lehrgängen häufig, dass Begrifflichkeiten der Reitlehre missverstanden werden. Er erklärt in seinem Buch „Reiten leicht und logisch" in einfachen Worten die Basis des guten Reitens. Sie beginnt beim Grundverständnis dafür, dass Pferde instinktgesteuert sind.