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Sinnvolles Training

Wie baut mein Pferd mehr Kraft auf?

Fehlende Kraft ist bei vielen Pferden der Grund für Leistungsabfall und Rittigkeitsprobleme. Wie Sie Ihr Pferd stärken können, verraten drei Ausbilder verschiedener Disziplinen.

Gute Galopparbeit gehört zum sinnvollen Krafttraining dazu.

Reiten ist Sport – darin sind sich Reiter einig. Das Besondere daran ist, dass der Reiter sich nicht nur selbst als Sportler verstehen muss, sondern auch sein Pferd! „Der Reiter, der seinem Pferd sportliche Leistung abverlangen möchte, muss stets die Konstitution und den konditionellen Zustand des Pferdes berücksichtigen“, heißt es in den Richtlinien Reiten und Fahren, Band I, Grundausbildung für Reiter und Pferd.

Dabei beinhaltet die Konstitution die individuellen Merkmale, die das Pferd mitbringt, wie das Exterieur, physiologische Voraussetzungen wie das Herz-Kreislauf-System oder den Stoffwechsel, die rasse- oder altersbedingt variieren können, aber auch das Interieur, also das Temperament des Pferdes.

Die Kondition ist, was der Trainer des Pferdes, also der Reiter, aktiv beeinflussen kann. So kann das richtige Training vier Bereiche verbessern: Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit. Im ersten Teil der neuen Serie „Gezielt trainiert“ geht es um den Kraftaufbau beim Pferd. Vielseitigkeitsprofi Andreas Dibowski, Springreiter Franz-Josef „Peppi“ Dahlmann und der dreifache Berufsreiterchampion Dressur Hartwig Burfeind verraten ihre besten Trainingstipps auf dem Weg zu mehr Kraft des Pferdes.

Aber woran merkt ein Reiter überhaupt, dass sein Pferd ein Kraftproblem hat? „Die Stabilität geht verloren“, erklärt Andreas Dibowski. „Die Pferde bekommen Schwierigkeiten mit der Balance, sie können sich nicht mehr tragen und fallen auseinander. Im schlimmsten Fall knicken sie sogar mit den Hinterbeinen weg oder stolpern.“ Franz-Josef „Peppi“ Dahlmann schließt im Parcours ebenfalls auf mangelnde Kraft, wenn das Pferd auseinanderfällt: „Es fehlt dann einfach eine positive Grundspannung, die Pferde galoppieren zum Beispiel in den Wendungen nicht durch und ziehen auch nicht mehr zum Sprung. Als Reiter hat man das Gefühl, sie werden länger und länger.“ Das mache sich vor allem in Parcours der höheren Klassen bemerkbar, wenn es über mehr als zehn oder zwölf Hindernisse gehe.

Prüfstein Anlehnung

Auch Dressurausbilder Hartwig Burfeind betont, dass es vor allem die fehlende Tragkraft ist, die sich im Sattel bemerkbar macht und zwar „in der Anlehnung! Die Pferde werden dann meistens zu lose oder auch zu stark in der Reiterhand, wenn die Hinterhand nicht tragen kann.“ Damit die Kraft auch wirklich da ankommt, wo sie das Pferd laut Burfeind am meisten braucht – nämlich im Rücken – mahnt er, immer wieder zu überprüfen, ob das Pferd den Hals auch wirklich fallen lässt: „Immer wieder die Hand vorgeben! Hebt sich das Pferd raus oder wird schneller, ist das ein Zeichen dafür, dass das Pferd nicht loslässt, die Muskulatur verspannt. So kann es auch keine Kraft aufbauen.“ Alle drei Ausbilder betonen, dass sie keinen konkreten Trainingsplan erstellen, den die Pferde allgemein durchlaufen. Viel mehr werde Tag für Tag entschieden, was das Pferd an Training braucht: „Ich plane nicht so viel, ich beobachte die Pferde und entscheide dann, welche Arbeit für das jeweilige Pferd sinnvoll ist“, erklärt Andreas Dibowski. Einen Grundsatz verfolgt er dennoch streng: „Zehn Tage vor einem Saisonziel, also dem Zeitpunkt auf den ich hintrainieren möchte, sollte das Krafttraining abgeschlossen sein und wird abgesetzt“, erklärt er. „Was man dann nicht hat, bekommt man in den letzten zehn Tagen auch nicht mehr drauf! Wichtiger ist dann, dass die Pferde die Chance bekommen, sich vom Training zu erholen um frisch in den Wettkampf zu starten.“

In einem Punkt sind sie sich alle drei einig: Erholung und Abwechslung gehört auf jeden Fall dazu, um dem Pferd die Freude an der Arbeit nicht zu nehmen. Das Training der Pferde ist so individuell wie eben die Pferde selbst und lässt sich nicht auf eine allgemeingültige Formel reduzieren.

Wie baue ich Kraft richtig auf?

Andreas Dibowski empfiehlt zum einen Stangenarbeit, die vor allem bei jungen Pferden an der Longe beginnt und bis hin zur Cavaletti-Arbeit unter dem Reiter führt. Besonders wertvoll ist für ihn das Reiten am Hang. Zunächst genügen leichte Steigungen im Schritt bergauf und bergab. „Aber was sich so einfach anhört, will konzentriert geübt werden. Bergauf reiten kann jeder, aber bergab zu reiten ist schon eine Anforderung an den ausbalancierten Sitz des Reiters“, so Dibowski. Klappt es jedoch gut im Schritt, kann auch in ruhigem Tempo bergauf und bergab getrabt werden oder es wird im Schritt ein steileres Gefälle gewählt, bis hin zum Klettern. Für einen sinnvollen Kraftaufbau rät Andreas Dibowski, drei Mal in der Woche die Pferde am Hang zu arbeiten. Wer die Möglichkeit hat, dem empfiehlt Dibowski das Wassertreten, also das Durchreiten einer Schwemme oder eines Bachs. „Das ist sehr anstrengend für die Pferde, da reichen schon ein paar Meter im Schritt und sie fangen an zu schnaufen.“

Refelmäßiges Cavaletti-Training hilft beim Kraftaufbau.

Während jüngere Pferde häufiger eine kleine Portion Krafttraining absolvieren sollten, darf es bei älteren Pferden eine gezieltere und sicher auch anstrengendere Einheit sein. „Wichtig ist aber, dass man die Pferde zwar fordert, aber nicht ermüdet.“ Zeichen für Überanstrengung erkenne der Reiter laut Dibowski daran, dass die Pferde nicht mehr an die Hand herantreten, stolpern, wegknicken, Schweißausbrüche bekommen oder apathisch werden. „In der Dressurarbeit kommt man dann auch nicht mehr zum sitzen, weil die Pferde den Rücken festhalten. Im Springen hört man es natürlich am Klappern der Stangen, die Pferden landen schwer und werden unrittig. Im Gelände ist es interessant zu beobachten, dass müde Pferde anfangen, sich stark zu machen. Sie werfen sich in die Hand hinein, beginnen also zu pullen.“

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Reihenweise Kraft

Auch bei Franz-Josef Dahlmann steht im Vordergrund, dass man das Pferd nicht zermürbt. Zur Kräftigung der Pferde ist für Dahlmann als Springreiter die Galopparbeit naturgemäß wichtig: „Je nach Alter und Ausbildungsstand des Pferdes ist diese Arbeit kürzer oder länger. Bei einem Fünfjährigen sind es fünf bis zehn Minuten am Stück, bei einem Grand-Prix-Pferd können es auch 20 Minuten werden. Ich gucke dann auch echt auf die Uhr!“ Der eigentliche Kräftigungseffekt komme allerdings erst durch die Übergänge innerhalb der Gangart. „Zulegen, aufnehmen, immer wieder. Da merkt man bei jungen Pferden, dass sie diesen Wechsel im Tempo lernen müssen, also durchlässig werden müssen. Aber man fühlt auch, dass es den älteren Pferden kräftemäßig leichter fällt, sie kommen schneller zurück und bleiben leicht in der Hand.“

In turnierfreien Wochen werden bei „Peppi“ Dahlmann ein bis zwei Mal in der Woche Gymnastikreihen als Krafttraining aufgebaut. Ein Beispiel für einen Aufbau zeigt die Abbildung oben auf dieser Seite. „Dabei ist es nicht wichtig, dass die Sprünge hoch sind, sondern dass sie in gutem Rhythmus überwunden werden. Idealerweise kann ich die Hand vorgeben und das Pferd machen lassen. Dann fühlt man als Reiter, dass das Pferd auch bei kleineren Sprüngen beginnt, seinen ganzen Körper einzusetzen. Das kostet und gibt gleichzeitig viel Kraft.“ Das Reiten ins Gelände steht im Stall Dahlmann zwar eher zur Abwechslung regelmäßig auf dem Programm, „aber wenn es hier auch mal bergauf und bergab geht, hat das definitiv einen kräftigenden Effekt.“

Im Jogging-Tempo

„Mir ist bei allem Training sehr wichtig, dass die Pferde nicht überlastet werden“, erklärt Hartwig Burfeind. „Bei der hohen Qualität der Dressurpferde, die uns die Zucht heutzutage liefert, ist diese Gefahr nämlich groß. Wir fordern also im Training noch gar nicht die großen, ausdrucksstarken Bewegungsabläufe. Ich halte viel mehr davon, zum Beispiel über einen eher kleinen aber fleißigen Trab das Pferd zu stärken. Es ist mehr eine Art Jogging-Tempo und darin kann ich dann auch sehr gut Schulterherein und Schenkelweichen reiten, das kräftigt ungemein, ohne Körper und auch Geist zu überfordern“, so der dreifache Berufsreiterchampion. Dabei legt Burfeind Wert auf eine eher runde und tiefe Einstellung im Hals mit der Stirn-Nasenlinie leicht hinter der Senkrechten, um sicher zu gehen, dass das Pferd den Hals fallen lässt und den Rücken aufgewölbt. „Das hat natürlich nichts mit Rollkur zu tun, aber ich bin nun mal der Meinung, dass dem Pferd auch nicht damit geholfen ist, wenn es permanent das Genick obenhalten soll.“

Jegliche Übergänge seien in dieser Anlehnung wertvolles Krafttraining, so der Dressurreiter. „Wenn wir Pferde neu in den Stall bekommen, kann es dann aber auch mal drei Monate dauern, bis sich das Pferd verändert.“ Andersherum sei eine gute Anlehnung ein eindeutiges Zeichen dafür, dass ein Pferd Kraft aufgebaut hat, sie ist also ein echter Trainingserfolg.

Auch Hartwig Burfeind tut sich schwer, den einen allgemeingültigen Trainingsplan zu empfehlen. „Ich verstehe mich als Physiotherapeut des Pferdes. Ich muss erfühlen, mit welchen Übungen ich weiterkomme. Das ist total individuell.“

Der Artikel ist erstmals in der Oktober-Ausgabe 2014 erschienen.