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Leseprobe aus unserer August-Ausgabe

Leistungsdruck im Reitsport: Hubertus Graf Zedtwitz im Interview

Reiten, obwohl man krank ist, immer abends der Letzte im Stall sein, oder als Profi mehr Pferde annehmen, als man bewältigen kann. Der Leistungsdruck im Reitsport beginnt nicht erst auf dem Turnier. Ein ehrliches Gespräch darüber mit Grand Prix-Ausbilder Hubertus Graf Zedtwitz lesen Sie in unserer August-Ausgabe.

Leistungsdruck beginnt nicht erst beim Turnierreiten. Auch viele Freizeitreiter haben hohe Ansprüche an sich und ihr Reiten. Nicht selten setzen sie sich zu sehr unter Druck.

Hubertus Grad Zedtwitz ist Grand Prix-Reiter und Trainer. Er arbeitet außerdem als Soziotherapeut. Der Erwartungsdruck, den viele Reiter an sich stellen, tut Mensch und Tier nicht gut, sagt er.

Herr Graf Zedtwitz, Sie sind selbst Profireiter, aber auch Trainer und haben eine psychologische Ausbildung. Was beobachten Sie: Setzen sich Reiter, auch im Amateurbereich, oft zu stark unter Druck?

Ja, das trifft teilweise schon zu. Es gibt verschiedene Quellen von Druck: Einmal der familiäre Druck, der eng verbunden ist mit dem Druck, den man sich selbst macht. Der vom freudschen Über-Ich geprägt ist (Anm. d.Red.: Der Psychoanalytiker Sigmund Freud bezeichnet die moralische In- stanz der menschlichen Psyche als Über-Ich, das die Werte und Normen des Menschen festlegt). Man strebt nach einem Ziel, das einem als Kind vorgegeben worden ist, erreicht es aber nie und ist umso härter im Training und auch gegen sich selbst. Es gibt aber auch noch den Druck von außen. Von der Besitzergemeinschaft, von der sozialen Gruppe im Reitverein, von Sponsoren und vielem mehr. Aber auch aus den Sozialen Medien. Und von Turnierrichtern, wenn wir von Turnierreitern sprechen.

Turnierreiten beinhaltet ja schon ein gewisses Maß an Druck.

Sicherlich. Turnierreiten macht dann Spaß, wenn man erfolgreich ist und das ist eine sehr ergebnisorientierte Herangehensweise. Da empfehle ich, den Fokus nicht nur auf das Endergebnis zu legen. Ich werde nicht müde, bei meinen Schülern zu erwähnen, dass der Weg das Ziel ist und die eigene Charakterschulung. Sie beinhaltet nämlich auch das ehrliche Interesse daran, das Pferd in seiner individuellen Persönlichkeit zu erforschen. Das ist ein wichtiger Aspekt. Es muss mir als Reiter allen voran Spaß machen, mit dem Pferd eine wirkliche Partnerschaft einzugehen. Ich will erforschen, wie tickt das Tier unter meinem Sattel, was ist das für ein Charakter? Dieses Zusammenwachsen über Jahre ist unabhängig von irgendeiner Sportambition. Denn dazu benötigen wir nicht nur das disziplinspezifische Training, sondern auch Handarbeit, Horsemanship-Training und dergleichen.
Ich empfehle meinen Reitern im Unterricht auch gelegentlich, abzusitzen und das Auge zu schulen, dabei zu erfühlen, wie das Pferd zum Beispiel der Gerte am Boden weicht. Welch feine Hilfen dafür genügen. Diese Reaktion ist dann in Teilen aufs Reiten übertragbar. Wenn ich das vom Boden aus „erforsche“, stärkt es das Vertrauensband und nimmt Druck von mir und meinem Pferd. Denn wenn das Verhältnis wirklich geklärt ist und von beiden Seiten ausgeht, reduziert das den Leistungsdruck enorm.

Viele Reiter – unabhängig davon, ob sie Turniere reiten oder nicht – trainieren bei Kälte, Hitze, Wind und Wetter, um besser zu werden. Kann das auch zu viel sein?

Es gibt ein sehr schönes Zitat: „Reiter sein heißt Selbstzucht üben und Achtung vor der Kreatur haben.“ Ich hab dieses Zitat zur Konfirmation von einem reitenden Großonkel bekommen. Ich hab es anfangs nicht verstanden und sehr weit hinten in meinem Gedächtnis abgespeichert. Es wanderte im Laufe der Jahre aber immer weiter nach vorne. Es hat nämlich zwei Aspekte: Die Selbstzucht, also die Selbsterziehung. Und die Achtung von der Kreatur. Und damit ist nicht nur das Pferd gemeint, sondern auch der Reiter. Wenn die Balance im Reiter emotional nicht stimmt, überfordert er automatisch das Pferd. Dann wird es noch mehr Therapeut, als es sowieso schon ist. Deshalb sollte jeder in oberster Priorität achtsam mit sich selbst sein. Der bekannte spirituelle Schriftsteller Pater Anselm Grün nennt das Seelenhygiene. Das ist ganz wichtig und ein riesiger Aspekt in der Reiterei, der total brach liegt.

Das ganze Interview über Achtsamkeit im Reitsport mit vielen Tipps von Hubertus Graf Zedtwitz, wie man diese herstellen und erhalten kann, lesen Sie in unserer August-Ausgabe. Das Heft können Sie hier versandkostenfrei bestellen.