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21.11.2009 Stuttgart: Echo auf die FEI-Panne
Während des Internationalen Reitturniers in Stuttgart rief die Deutsche Reiterliche Vereinigung zum Pressegespräch wegen der Ergebnisse der FEI-Jahrestagung in Kopenhagen. Dort wurde als Folge einiger Pannen eine Liste verabschiedet, die Schmerzmittel im Wettkampf erlaubt …
Die Aufregung in der Hanns-Martin-Schleyerhalle während des Internationalen Reitturniers in Stuttgart ist seit gestern zu spüren. Um etwas Klarheit zu schaffen, bat der Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) Breido Graf zu Rantzau zum Pressegespräch. Denn dass ab dem 1. Januar 2010 auf internationalen Reitturnieren schmerz- und entzündungsmindernde Medikamente bei den Pferden verwendet werden dürfen, widerspricht dem bislang proklamierten FEI-Grundsatz, dem Wohlergehen des Pferdes, „welfare of the horse“. Graf zu Rantzau fasste die Ergebnisse der FEI-Jahrestagung zusammen, auch emotional: „Im Grunde ist man erschlagen von den wiederkehrenden Problemen.“ Vier Punkte oder Themen zählte der FN-Präsident auf: 1. „Der Fall Cornet Obolensky geht zum Tribunal“. Die Tatsache, dass das Springpferd des deutschen Reiters während der Olympischen Spiele in Hongkong medikamentös und bis dato unentdeckt behandelt wurde, soll weiterhin geklärt werden. „Es wird schwer sein, Schuld zuzusprechen“, meint Graf zu Rantzau, weil es weder „durch uns noch durch die Stevens-Kommission Neues gab.“ 2. Der ehemalige Teamtierarzt Dr. Björn Nolting soll wegen der Hongkong-Vorkommnisse von der FEI-Tierarzt-Liste gestrichen werden. „Aber das ist bisher eine Absichtserklärung, das muss eventuell auch noch vors Tribunal!“, so Graf zu Rantzau. 3. Der ehemalige FN-Generalsekretät Dr. Hanfred Haring soll aus dem FEI-Bureau ausgeschlossen werden. Ebenfalls jene, die ein höheres Amt bei der FEI haben wollen. „Das betrifft mich aber gar nicht, denn sowas habe ich gar nicht vor“, meint der Präsident. Breido Graf zu Rantzau beklagt die vielen Unregelmäßigkeiten bei der FEI. „Die Strukturreform ist nun doch verschoben, daran wird seit 2005 gearbeitet.“ Das höchste Gremium sei zu groß, die FEI dachte an fünf Leute, „aber es sollten Fachleute sein! Dann hätten wir uns damit anfreunden können.“ Die Namen standen eigentlich fest, die FN war einverstanden mit einer solchen Reform, „und zehn Tage vor der Wahl änderte die FEI die Wahlmodalitäten.“ Die Mitglieder sollten im Einzelnen gewählt werden. „Das war für uns der Grund, dagegen zu stimmen. Es geht nicht, dass nach Gutsherrenart bestimmt wird …“, Graf zu Rantzau nimmt kein Blatt vor den Mund, benennt die Wahl gegen die Strukturreform sogar „fast wie eine Vertrauensfrage in Sachen FEI-Präsidentin Prinzessin Haya“. Die Stimmung sei eh nicht gut, „wir haben in Kopenhagen weder mit Haya noch mit dem Generalsekretär persönlich gesprochen. Andere auch nicht. Es kam einfach nicht dazu.“ Und weiter: „Die FEI ist Haya. Und wir beide haben uns mehrmals gegenseitig enttäuscht.“ Die größte Panne, Pleite, Katastrophe passierte jedoch in Sachen „Clean Sport“. Für einen sauberen Sport sollten die Doping-Regeln überarbeitet werden. „Hier hatten sich Leute Mühe gegeben, es gab tolle Ergebnisse, die haben wir der FEI gar nicht zugetraut. Im Oktober wurde eine Liste verschickt, mit Maßnahmen und Regeln. Es wäre sogar überbrückbar für eine nationale Umsetzung gewesen“, meinte Graf zu Rantzau. Denn bisher klaffen zwischen FEI- und FN-Dopingbestimmungen derbe Lücken, Reiter müssen umdenken, was erlaubt, was verboten ist, je nachdem ob sie national oder international starten. Bis dahin also Friede, Freude, Eierkuchen. Nur flogen dann die imaginären faulen Eier. „Am Sonntag vor der Jahrestagung in Kopenhagen kam per Mail eine weitere Liste, die sogenannte Progressive Liste. Da waren alle schon in Kopenhagen. Die Liste wurde auch während eines Workshops durchgesprochen. In diesem Workshop waren aber vielleicht nur die Hälfte aller Mitglieder, weil es an dem Tag schon der dritte Workshop war.“ So sollen nicht alle mitbekommen haben, dass es sich bei der Abstimmung nicht um die eigentlich akzeptierte Liste vom Oktober handelt. Und so wurde eine Liste abgestimmt und verabschiedet, die sich für die meisten Länder als untragbar herausstellt. Graf zu Rantzau nannte das „einen gewollten Unfall“. Der FEI-Chefveterinär Graeme Cooke soll Bescheid gewusst haben – „der Tierarzt, der vor seiner Tätigkeit bei der FEI nichts mit Pferdemedizin zu tun hatte“, so Graf zu Rantzau. Das FEI-Bureau soll nicht involviert gewesen sein, der FEI-Vizepräsident aus Schweden, Sven Holmberg sei gegen die Progressiv-Liste. Es geht um eine Liste, die Tierärzte in manchen Ländern ins tierschutzwidrige Licht zerrt, weil es ihr Berufs-Ethos verbietet, einem Pferd für den Wettkampf Schmerzmittel zu verabreichen. Der Schweizer Tierarzt Dr. Markus Müller bezieht Stellung: „Ein Pferd, das das Schmerzmittel Phenylbutazon braucht, ist nicht ‚fit to compete‘“, also nicht wettkampftauglich. Für Dr. Müller eine wahre Tierschutzfrage. „Für uns war das klar, dass diese Progressiv-Liste nicht tragbar ist, aber waren so überzeugt, dass da keiner dafür stimmt, dass wir nicht mal mehr abends an der Bar darüber gesprochen haben“, sagt Breido Graf zu Rantzau. Mit anderen Worten: Die Verantwortlichen vieler nationaler Reitsportverbände haben schlichtweg gepennt. Haben sich in Gewissheit geglaubt, weil, so Graf zu Rantzau: „Es war auch so viel Gutes in der Liste, ein Regelwerk für die Stewards, ein Buch, das Reiter erklärt, was zu tun ist, ein Regelwerk für die Tierärzte …“ Aber eben auch die plötzlich neue Progressive Liste mit Schmerzmitteln für den Sporteinsatz. Breido Graf zu Rantzau ist aber dennoch felsenfest überzeugt: „So machen wir das nicht mit und die Turnierveranstalter auch nicht. So läuft das ab Januar nicht ab.“ Was Graf zu Rantzau freut, ist das Zusammenkommen der deutschen FN mit den anderen europäischen nationalen Reiter-Verbänden zum „European Equestrian Forum“. Das sei keine Gegenveranstaltung zur FEI, sondern soll europäische Interessen an die Europäische Union wie aber auch an den Weltreiterverband vermitteln. Dafür hätte man eine Satzung und könne sich möglicherweise doch noch zu einem Verband formieren. Zu den weltweiten Reaktionen auf die Progressive Liste meldet sich auch der Sponsor der nächsten Weltreiterspiele in Lexington/Kentucky. Die Firma Alltech als Produzent natürlichen Pferdefutters bzw. in der Tierernährung ist entsetzt und fürchtet um ihr Image, weil ihr Name wegen des Titelsponsorings in einem Zug mit der FEI genannt wird. Alltech bezieht Opposition. coh
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